Textwissenschaft, Hermeneutik am Alten Testament

Blaubeuren - Colloquium

Bis Jahresanfang 1999 fanden die Colloquien 14 x statt. Das 15. (2000) mußte aus Krankheitsgründen kurzfristig abgesagt werden.

So langsam machte sich aber auch bemerkbar, dass die Colloquien nicht mehr in eine theologische Fakultät integriert waren. Immerhin waren je gute Hebräisch-Kenntnisse Voraussetzung der Teilnahme.

Es geht aber nicht lediglich um Erschwernisse etwa bei der Werbung für das Colloquium. Dieser Aspekt hat wohl ganz gut funktioniert. Sondern es trog die Hoffnung, die noch am Anfang der Reihe geherrscht hatte, als könnte - wenn auch langsam - mehr Methodenbewußtheit in der Exegese Platz greifen. Neue interessante Fragestellungen wären aufgekommen, die Mauern zwischen "Schulen" wären durchlässiger geworden. Durch offenere Debatten in methodischer Hinsicht wäre letztlich auch ein breiterer Boden für das Colloquium bereitet worden. Da all dies aber nicht eintrat mußten sich die TeilnehmerInnen eher als Exoten fühlen, die zwar von der eigenen Arbeitsweise (und dem Austausch im Colloquium) reichlichen Gewinn hatten, die aber spürten, nicht so recht zum exegetischen mainstream zu gehören.

Ein Beispiel: Seit mindestens 25 Jahren ist die Problematik der traditionellen Quellentheorie formuliert. Einzelanwendung bei der Josefsgeschichte: Es ist nach einer Reihe sich widersprechender Monographien seit 15 Jahren explizit das Bedürfnis nach einer grundlegenden "Methodenreflexion" (H.C.Schmitt) formuliert. So weit so richtig. Aber niemand - außer uns - steigt in dieses Thema ein. Wir haben mehrere Reflexionen zur "Literarkritik" publiziert und im Gefolge davon auch schöne materiale Ergebnisse erzielt. Eine substantielle Methoden-Debatte hat sich nicht entwickelt.

Anderes Beispiel: Es begleitet die Exegese seit langem die Frage, wie die wissenschaftliche Erforschung der Texte (häufig historisch verstanden) auch zu einem praktischen Nutzen (bei einfacher Lektüre) führen könne. In vielen Anläufen und durch viele Autoren wird dieses Problem angegangen und formuliert. Kaum je kommt einer auf die Idee, dass vielleicht die Fixierung auf die Historie aufgegeben und stattdessen durch einen bewußteren Umgang mit dem Medium Sprache, in dem uns immerhin die Dokumente gegeben sind, ersetzt werden sollte. Jedenfalls war es diese Weichenstellung, die uns auf dem Colloquium regelmäßig weiterführte und überzeugte, sogar bei Texten, die für uns heute in thematischer Hinsicht als abseitig und irrelevant erschienen (z.B. Lev 7). Durch genaue Sprachbeobachtung waren solche Texte plötzlich spannend, warfen die Frage auf, wo es heute vergleichbare Sprachformen (mit vergleichbar unsympathischen bzw. gefährlichen Effekten) gibt. Der alte Text schärfte mein heutiges Bewußtsein von Sprache, verbesserte meinen Umgang damit.

In einem Übersichtsartikel formuliert Utzschneider 1999, die Exegese dürfe nicht die Historie, sondern müsse dem literarischen Aspekt oberste Priorität zuweisen. Na wunderbar. 15 Jahre zuvor hatte dies Schweizer in der ThQ 1984 veröffentlicht (von Utzschneider nicht bemerkt). Die exegetischen Mühlen mahlen ungemein langsam. - Im selben Artikel werden vor 25 Jahren auf Richter gemünzte Urteile (Thema: Form/Inhalt) auf Schweizer übertragen, ohne zu sehen, dass letzterer sich seit 1981 u.a. genau darin von Richter unterscheidet und inzwischen eine Reihe eigener und fremder Arbeiten die Fruchtbarkeit dieses Ansatzes erwiesen haben. Zum selben Punkt meldet die Diss. von Disse mit Hilfe unverstandener linguistischer Literatur seine Ablehnung an (die Behaviouristen nahmen die eigenen Prämissen nicht ernst und zählten Inhaltsfunktionen zur "Form").

Weiteres Beispiel: Ein Gewürge herrscht seit langem um den Startpunkt einer literarisch-textorientierten Beschreibung und Interpretation. Die meisten stellen sich die Frage nicht (und geben sich dumpf mit den masoretischen Unterteilungen zufrieden), andere finden den Vorschlag von "Äußerungseinheiten" prima, wenden ihn aber selber nicht an (Methodenlehre Egger), wieder andere können sich nur vorstellen, dass in Texten lediglich Sätze vorkommen (und sind unfähig eine Satzdefinition zu geben); wir setzen beim Äußerungsakt (pragmatisch) an: in Texten gibt es Sätze (mit S-P als Kern) und Nicht-Sätze, werden dafür teils gelobt (bewährt sich bei Literarkritik), teils gescholten (z.B. von solchen, die mit Richters Satz-Datenbank arbeiten mussten). Z.T. geriet bereits der Terminus "Äußerungseinheit" zum abschreckenden Markenzeichen einer Exegese, die es zu verteufeln galt. Es bleibt aber: Wir konnten z.B. bei der Josefsgeschichte eine Reihe schwieriger Einzelfälle (vom Gros der Standardfälle abgesehen) viel angemessener lösen als konkurrierende Ansätze. Da ist auch schon manches publiziert (z.B. von Oswald). Es wäre eine Einzelfälle einbeziehende theoretische Debatte nötig. Sie gab es bislang nicht.

Letztes Beispiel: Zwar ist es seit alten Zeiten konstitutiv für die Glaubensgemeinschaften, sich an "heiligen" Texten zu orientieren (z.B. durch Gottesdienstlesungen). Dies kann - wie oben angedeutet - hermeneutisch in einem umfassenderen Sinn fruchtbar sein, als üblicherweise angenommen wird (meist werden ja doch nur die inhaltlich auch heute noch ansprechenden Texte ausgewählt). Die Exegese als Wissenschaft könnte seit ca. 3 Jahrzehnten diese Grundorientierung dadurch begleiten, daß sie bevorzugt die Einzeltextbeschreibung entwickelt und - im Kontext mit den anderen Philologien - das Bewußtsein dafür weckt. Aber genau dies geschah nur in Nischen und Nebensträngen. Stattdessen wurde die Aufgabenstellung auf den Kopf gestellt: die literarische Deskription hat sich nicht vom überholten Kommentarschema (Vers für Vers, keine textwissenschaftliche Terminologie) gelöst. Die gegebene literarische Struktur wird durch allerlei Zusatzwissen (zu Historie, Archäologie, Religionsgeschichte, Redaktionen usw.) verstellt, sie wird nicht differenziert und vorrangig (nicht: exklusiv!) herausgearbeitet. - So gesehen braucht sich niemand zu wundern, daß die alten Texte nicht mehr "sprechen".

Sollte dieser Eindruck eines dramatisch unterentwickelten Interesses an Methoden-/Sprachreflexion Richtiges treffen, wären Rückschlüsse darauf impliziert, wie erwünscht in der kirchlichen Wissenschaft 'Theologie' Erkenntnisfortschritte, die Veränderungspotential in sich bergen, sind. Dass römische Papiere die Theologie ihrer Eigenständigkeit berauben und sie zur Multiplikatorin römischer Positionen degradieren wollen, ist bekannt. Methodenreflexion in diesem Kontext ist dann nur Spielwiese in abgeschotteten Zirkeln. Daneben gibt es - zwiespältigerweise - durchaus auch ein Papier, das für verschiedene Methodenansätze offen ist.

Der Blick an die "Spitze" reicht jedoch nicht. Vielmehr scheint die Selbstabschottung der Exegese von den Strömungen, die in den übrigen Geisteswissenschaften fließen, extrem weit verbreitet zu sein. Ein Brückenschlag zur Psychologie gilt wohl immer noch als Sündenfall - man gerät schon ins Zwielicht, wenn man in einem Satz, gestützt auf Indizien, einen "emotionalisierten, emphatischen" Ton feststellt; ein Buch zur Hermeneutik feministischer Exegese kommt ohne Debatte aktueller Hermeneutikansätze aus; nach wie vor erspart man sich ein Mitreden bei der Frage, was denn ein Satz, eine Äußerung sei (obwohl man täglich damit arbeitet). Unverhältnismäßig breiten Raum nehmen dogmatisch-ideologische Fragestellungen ein: Endtext-Exegese, die Debatte um Sprachregelungen: "1. Testament" oder "Altes Testament", das mystifizierende Ausquetschen eines Halbsatzes (in Ex 3,14), um dem Jahwe-Namen auf die Spur zu kommen (wobei die linguistischen Kategorien zum Verständnis dieses gewälttätigen Existenzsatzes gar nicht zur Verfügung stehen...). Die Unlust, sich reflektiert und kreativ deskriptiv auf Einzeltexte einzulassen ist also schon beim Fachpersonal recht weit verbreitet.

Meist schlägt einem das Jammern über schwierige, nicht-eindeutig von allen so verstandene linguistische Termini entgegen. Während darin sicher immer wieder eine Schwierigkeit liegt, wird nicht gesehen, welchen großen Vorteil fest in die Ausbildung integrierte Methodenreflexion hat: die Selbständigkeit im Denken wird dadurch gefördert, bloßes Nachbeten schulinterner inhaltlicher Annahmen wird überflüssig. Um dieses Vorteils willen verblasst die anfängliche Mühsal mit den ungewohnten Begriffen - wenn man denn diesen Vorteil will und nicht doch lieber geistige Gängelung bevorzugt.

Im protestantischen Raum ist die Bindung an Schulen, die linguistik- und textwissenschafts-ferne Axiome vertreten, noch groß: Formgeschichte, historische Kritik - von den ohnehin textfernen Disziplinen wie Religionsgeschichte oder Archäologie ganz abgesehen. Es gibt erst vereinzelte Werke, die explizit die Sprachwissenschaft in die Exegese zu integrieren versuchen. Das Ringen um Hermeneutik schlägt sich hier stärker in Publikationen nieder. Aber Gadamer wirkt nach, so daß die Querverbindung zur Methodik in der Regel nicht gezogen wird.

Es war vor diesem Hintergrund eines unfreundlichen kirchlich-theologischen Klimas dann doch erstaunlich, wie lange die Reihe der Colloquien sich über das Jahr 1990 (Fakultätswechsel) hinaus hielt: je kamen ca. 10-13 TeilnehmerInnen zusammen (max. 21, nie weniger als 9), z.T. weiträumig aus dem deutschsprachigen Raum, die 3 1/2 Tage einen Einzeltext der hebräischen Bibel textwissenschaftlich analysierten. Die erwartbaren Sprachschwierigkeiten bei unterschiedlicher wissenschaftlicher Terminologie erforderten nachvollziehbare Definitionen bzw. Debatten. z.T. zog sich die Annäherung der Denkvoraussetzungen über mehrere Jahre hin (wie sich bei Mehrfach-TeilnehmerInnen beobachten ließ). In der Regel wurde jeweils auch das Ziel erreicht, nach all den verschiedenen Analyseschritten so etwas wie ein Gesamtbild der Erkenntnisse zum Einzeltext wiederzugewinnen - nicht als fertiges Ergebnis, aber als ausreichend konturierter Anstoß, um weiterzudenken. Die hermeneutische Fragestellung war - implizit und explizit - bei allen Analysen präsent. Insofern wurde ständig der Nachweis erbracht, daß sich rational-analytische Beschäftigung mit Texten und das dadurch provozierte Aufwerfen existentieller Fragen nicht ausschließen - wie in Trivialhermeneutiken - allerdings auch bis hinauf zu Gadamers Werk insinuiert wird, sondern sich sogar bedingen können: Wenn ich mich dem Fremden, Anderen (= dem erst unzureichend verstandenen Text) öffnen und zulassen will, dass es in meine Lebenswelt integriert wird und dort Veränderungen auslöst, dann geschieht dies am besten über methodisch geleitete Analyse.

Folgende Texte sind behandelt worden:
THAT 1 (1986): Gen 50
THAT 2 (1987): 2 Sam 11
THAT 3 (1988): Ps 114/115
THAT 4 (1989): Jer 23, 9-32
THAT 5 (1990): Koh 8,1-15
THAT 6 (1991): Hld 4
THAT 7 (1992): Dan 8
THAT 8 (1993): Lev 7,1-21
THAT 9 (1994): Ri 18,7-28
THAT 10 (1995): Gen 32, 23-32
THAT 11 (1996): Spr 15
THAT 12 (1997): Amos 4
THAT 13 (1998): Jes 44,24-45,13
THAT 14 (1999): 2 Sam 14,1-2

Aus genannten äußeren und wissenschaftspolitischen Gründen ist es nun aber angezeigt, die Reihe der Blaubeuren-Colloquien zu beenden. Mögen die TeilnehmerInnen - gehören sie zum stabilen Stamm oder zur Gruppe der Ein- oder ZweimalteilnehmerInnen - die gewonnenen Impulse auf ihre Weise und an ihrem Ort weiterverfolgen.

 
 
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010