Papstrede - textwissenschaftliche Anmerkungen


alternativ

Gedankengang:

Die Rede beginnt mit Reminiszenzen an die akademische Laufbahn von J. Ratzinger und steuert auf die Fragestellung hin, wie sich "radikale Skepsis" heutiger Wissenschaft zur Rolle der "Vernunft" verhält, die eben auch nach Gott fragt. Und wie sich dies im "Zusammenhang der Überlieferung des christlichen Glaubens" zeigt.

Hier bereits folgt der Rückgriff auf den gelehrten byzantinischen Kaiser Manuel II, der sich mit einem gebildeten Perser (etwa um 1391) über Christentum und Islam unterhält. Ziel der Passage ist die Auskunft des Kaisers: Fähigkeit zur guten Rede, sowie rechtes Denken gehören zum Glauben, nicht aber Gewalt und Drohung. Anders gesagt: vernunftgemäß handeln entspricht dem Wesen Gottes.

Der Islam ist im Zitat nicht eigens das Thema, dient dem christlichen Theologen aber als abzulehnende Negativfolie. Es folgen weitere Abgrenzungen in Schwarz-Weiß-Manier: die Gotteserkenntnis des Mose am Dornbusch lässt (in einer Reihe von Texten des Alten Testaments) über andere Götter spotten. Im Spätmittelalter - der Dogmatiker geht großflächig vor - wird der Franziskanermönch Duns Scotus als inakzeptabel ausgemacht: er habe ein übersteigertes (d.h. mit der Vernunft nicht mehr zu bewältigendes) Bild von der Andersheit Gottes. Stattdessen wird Paulus herangezogen: Gottesdienst habe "im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft" zu stehen (vgl. Röm 12,1).

Das alte Thema bestimmt also die Rede: Wie verhalten sich Glaube und Vernunft? Oder anders: Inwiefern ist der biblische Glaube durch Übergang in den Bereich griechischer Philosophie verfälscht oder womöglich erst zur vollgültigen Ausprägung gekommen? - Ratzinger verweist auf drei Tendenzen, diese Symbiose aufzusprengen (1. Reformation - Glaube müsse wieder als lebendiges Wort begriffen werden, nicht als philosophisches System; 2. liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhundert - Theologie ist dann wissenschaftlich, wenn sie historisch orientiert ist; 3. Synthese mit Griechentum ist nur eine erste Inkulturation des Christlichen, d.h. für andere Kulturen kann man auf die Begriffe des Hellenismus verzichten).

Wissenschaftlichkeit heute ergebe sich aus dem "Zusammenspiel von Mathematik und Empirie". Das gelte so normativ, dass auch "die auf die menschlichen Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie sich diesem Kanon" annähern. Würde diesem Trend auch die Theologie folgen, bliebe "nur ein armseliges Fragmentstück übrig".

Es geht also darum, den Vernunftbegriff und -gebrauch auszuweiten - ohne aber hinter Aufklärung und Einsichten der Moderne zurückzugehen. "Eine Vernunft, die dem Göttlichen gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der Kulturen".

Textwissenschaftliche Anmerkungen:

  1. Die Gesamttendenz der Rede passt zum Ort des Vortrags: es geht um Theologie im Konzert der Wissenschaften, um den Vernunftbegriff (der Grundlage wissenschaftlichen Arbeitens ist).
  2. Es geht folglich nicht um das Verhältnis verschiedener Religionen. - Allerdings: Redetechnisch ist ein gravierender fauxpas eingebaut. Das lange Referat jener Unterredung zwischen christlichem Kaiser und islamischem Gebildeten bekommt - auch angesichts der gedanklichen Blässe des restlichen Textes - ein derartiges Eigengewicht und ist durch die Terrorismusdebatte dieser Jahre derart aufgeladen, dass es völlig kontraproduktiv für das Anliegen Ratzingers ist. Er leistet sich einen Bärendienst damit. Es ist kein Wunder, dass aus der islamischen Welt heftige Gegenreaktionen kommen.
  3. Impliziert ist eine Reihe von Negativgrößen. Nicht nur ein gewalttätiger, unvernünftiger Islam (nach Meinung des Zitats) gehört dazu. Auch die Götter, über die im Alten Testament gespottet wird - was zugleich zeigt: deren positive Aspekte kann Ratzinger nicht würdigen (Verbundenheit mit Naturvorgängen - zugleich ein Defizit des Christentums). Letztlich wird auch gegenwärtige Wissenschaft abgekanzelt. Der Dogmatiker benutzt also mehrfach eine Denkfigur, die häufig in seiner Disziplin anzutreffen ist: Stärkung der eigenen Identität durch Diffamierung/Verzerrung anderer. Schwarz-Weiß-Denken statt - das wäre wissenschaftlich - Differenzierung. - Damit geriert sich der Redner als überdimensionierter Beobachter, der geistig von einem anderen Stern her flächendeckend beurteilt, womit sich viele hier abmühen. Nicht nur Muslime können sich verhöhnt vorkommen, auch heutige WissenschaftlerInnen.

    Nur thesenhafte Bemerkungen zu Zusammenhängen, auf die der Redner hierbei nicht eingeht:

  4. Die Reaktionen aus dem Bereich der Wissenschaft dürften sich aber in Grenzen halten, weil bemerkt wird, dass Ratzinger zum "Vernunft"-Begriff keine substanziellen, diskutierenswerten Aussagen macht. Zwei Aspekte spielen eine Rolle:
  5. Wenn es in der Rede schon um die (wissenschaftliche) "Vernunft" gehen soll, dann
  6. Drei Tendenzen in der Theologie waren genannt worden, die den Einfluss griechischer Philosophie zurückdrängen/überwinden wollten. Es scheint dem Redner zu genügen diese "Wellen des Enthellenisierungsprogramms" zu nennen. Anscheinend soll die bloße Nennung sie als indiskutabel erweisen. Eine argumentative Auseinandersetzung jedenfalls gibt es nicht. Dabei könnte man sehr wohl manches anmerken:
  7. Im Kern richtig dürfte sein, wenn gesagt wird, die Untersuchung der Materie (in den Naturwissenschaften) durch Freilegen von deren mathematischer Struktur sei "sozusagen das platonische Element im modernen Naturverständnis". - Die Beiziehung von Plato verstellt jedoch auch den Blick. Es geht nicht um etwas, was speziell von jenem Philosophen stammt (und insofern an die alten Griechen gekoppelt wäre). Sondern es geht um die Fähigkeit des menschlichen Geistes zu abstrahieren - in beiden Richtungen: quantitativ und qualitativ. Insofern unterliegt jegliche Wissenschaft den Möglichkeiten (und Begrenzungen) unseres Wahrnehmungsapparates, der kognitiven Verarbeitung, den Sprachfähigkeiten. In dieser Konkretisierung würde das heute wohl niemand platonisch nennen. Stattdessen sind die Aspekte Kant, heruntertransponiert in die einzelnen Disziplinen hinein.

    Was den richtigen Kern betrifft: in der Tat ist die platte Entgegensetzung von Natur- und Geisteswissenschaften Nonsens. Vielmehr kann jegliche Wissenschaft nur auf der Basis der genannten Geistesfunktionen betrieben werden. Ein zeitgenössischer Philosoph hat dies denn auch so formuliert, dass letztlich die Geisteswissenschaften "gesiegt" hätten (mögen sie äusserlich noch so sehr gegenüber den Naturwissenschaften im Hintertreffen sein).

    Der Redner will an dieser Stelle einen akzeptablen Gedanken einbringen, tut es aber ohne Kontakt zur aktuellen Diskussion - was ihn zu einer Überhöhung der Philosophie Platos verführt. (Es sei daran erinnert, dass Ratzinger wissenschaftlich in diesem Umfeld seine Eintrittsarbeiten in die Wissenschaft erstellt hat: Dissertation und Habilitation. Vielleicht hat er biografisch dazu nicht die nötige Distanz gefunden.)

  8. Schließlich sind weitere Fragestellungen ausgeblendet, die für die angeschlagene Thematik entscheidender wären. Statt nur über abgehobene Begriffe zu reden müsste lebensnäher auf die Praxis von Religionsinstitutionen eingegangen werden.

    "...Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft ... verengt wird". - Was meint der Papst wohl? Warum kommt er nicht auf Dogmatiken zu sprechen - gleichgültig in welcher Religion -, die erst Zäune, damit auch Aggressivität gegen andere, entstehen lassen? Die einen substanziellen Dialog - neben manchen diplomatischen Freundlichkeiten - verhindern? Die durch ihre Lehrgebäude den Zwang zur Ausblendung von Vernunft repräsentieren, die eigenen Anhänger gängeln, abhängig und lebensuntüchtig machen? - Dazu gibt es viele Reflexionen, vgl. H. Schweizer, "...deine Sprache verrät dich!", Münster 2002: LIT Verlag. - Wer die romanhafte Illustration in gleichem Sinn bevorzugt, nehme John Updike, Terrorist. 2006: Rowohlt.

    Auf solche Aspekte, die die hohe Theorie mit der institutionellen Praxis verbinden, müsste der Redner eingehen. Täte er es, hätte er reichlich Anlass, die Reihe der Schuldbekenntnisse (seines Vorgängers) fortzusetzen. Das würde die eigene Glaubwürdigkeit erhöhen. Er könnte dann auch den leichtfertigen Blick auf andere Religionen unterlassen. - Dazu aber gilt: Fehlanzeige.
  9. Den Schluss bildet die Einladung zum "Dialog der Kulturen" in der skizzierten "Weite der Vernunft". - Das ist sicher ein ernst gemeintes, positives Signal, das sich implizit gegen die Auffassung vom unvermeidbaren "clash of civilizations" (Samuel Huntington) richtet.

    Dennoch bleibt Skepsis:

Die Rede ist - typisch Ratzinger - im Ton freundlich, mit gelegentlichen Bezugnahmen auf die eigene Biografie versehen, die Hörer einschließend ("uns"), anscheinend bemüht, mit Sorge ein wichtiges Problem der Wissenschaften anzugehen.

Bezogen auf die gedankliche Substanz ist die Rede anmaßend, mehrfach verurteilend, wissenschaftlich überhaupt nicht auf der Höhe der Zeit. Die behandelte Problemstellung ist sehr alt - ich sehe keinen Aspekt, der als weiterführend beurteilt werden könnte. Im Gegenteil: es ist bestürzend zu sehen, wie die geistige Entwicklung etwa ab der Aufklärung, diese einschließend, ausgeblendet wird. Der gedankliche Hintergrund deutet extrem auf Unbeweglichkeit, Unlust zu irgendeiner Veränderung. Was in der Rede dargelegt wurde, kennt man im Kern spätestens seit 800 Jahren, stammt also aus einer Zeit, in der die Kirche in der damaligen Welt eine gewaltige Machtposition inne hatte. - Es wird in der Rede nicht sichtbar, dass die geistigen Entwicklungen der Zeit seither substanziell aufgenommen wären.

Damit stellt sich die Frage, was der Redner bezweckte. An jemanden, der seit Jahrzehnten im Dienst der kirchlichen Institution arbeitet, braucht man nicht die selben Erwartungen zu stellen, wie an jemanden, der ungebrochen im Wissenschaftskontext blieb. - Daher entsteht der Eindruck - übergeht man nostalgische Aspekte (Erinnerung an den eigenen wissenschaftlichen Werdegang; Rückkehr an die Uni Regensburg), die sicher auch eine Rolle spielten -, dass der Redner das komfortable Forum einer deutschen Universität nutzte, um das Gewicht der Theologie neu ins Bewusstsein zu bringen - wenn schon die Theologie dies aus Eigenbeiträgen heraus kaum noch schafft.

Der pragmatische Zweck der Rede ist also ein (hochschul)politischer. Das würde erklären, warum derart viele rhetorische Fehler und gedankliche Schwächen zusammenkommen konnten. Nicht so sehr die Redeinhalte sind von Bedeutung, sondern dass die Rede vor diesem Forum gehalten wurde. Die implizite Botschaft: Theologie an deutschen Universitäten ist bedroht. Ich sage Euch als Papst: sie ist unverzichtbar. Sie hat das entscheidende Wissen für die Welt sogar dort, wo sie ihre entscheidenden Schwächen hat (Vernunft, Dialog). Kehrt also zurück zu Zeiten, als die Theologie noch eine Dominanz im Konzert der Fakultäten hatte. - Eine zwar nicht gelungene, aber kühl kalkulierte - und dabei allerdings weltfremde Rede.

Harald Schweizer
harald.schweizer@uni-tuebingen.de

Nachtrag (26. 9. 06):

Die Einladung von Islamvertretern nach Rom ist sicher ein Glanzstück vatikanischer Diplomatie. Es war aus Angst vor weiteren Eskalationen geboren. Die Annahme der Einladung ist ein good will-Zeichen der Islamvertreter.

Unter "Dialog"-Gesichtspunkten ist damit der in Regensburg fahrlässig zugeschüttete Gesprächs"kanal" wieder durchlässig gemacht worden. Was jetzt folgen müsste, wäre der eigentliche, substanzielle Dialog. Was soll der aber zwischen Dogmatiken unterschiedlicher Provenienz zum Thema haben? Da jede Seite sich als "alleinseligmachend" versteht, kann keine inhaltliche Verständigung das Thema sein. Folglich sollte man in solchen Fällen auf das Wort "Dialog" verzichten. Es ist amputiert, wenn die inhaltliche Auseinandersetzung ausgeklammert bleibt. Nicht verzichten sollte man auf Treffen und Signale, dass man sich in seiner Verschiedenheit - friedlich - respektiert. Damit wäre die latente Aggressivität, die mit dem Monotheismus automatisch gegeben ist, wenigstens unter Kontrolle.

Die Überlegungen zur "Vernunft" (s. o.) in Regensburg bleiben. Sie hat der Papst unter Garantie nicht revidiert - seinen gesamten theologischen Werdegang und sein Selbstverständnis hätte er damit annulliert. Die darin enthaltenen Provokationen und Unausgegorenheiten bleiben.

(Wer an Sprach-Analysen zum "Römischen Weltkatechismus" interessiert ist - Kardinal Ratzinger als wesentlich Beteiligter -, kann hier klicken. Die Texte stammen aus dem Jahr 2003.)

(Für die Analyse der etwa zeitgleich gehaltenen Rede des Bundespräsidenten zum Thema "Bildung" kann man kontrastiv weitere Aspekte sammeln.)  

Nachtrag (20. 12. 06):

Die Wahl der Papstrede zur "Rede des Jahres 2007" geschah durch das 'Seminar für allgemeine Rhetorik' der Universität Tübingen. Der Verfasser obiger Ausführungen hatte damit in keiner Weise etwas zu tun.

Nachtrag (10. 7. 07):

Die Regensburger Äusserungen sind kein Lapsus, sondern Strategie. Im Mai 2007, auf seiner Brasilienreise, äusserte der Papst, die katholische Kirche habe sich den Eingeborenen in Lateinamerika nicht aufgezwungen. Vielmehr hätten die Stämme die Ankunft der Priester im Zuge der spanischen Eroberung "still herbeigesehnt". Nun, das muss wohl "sehr still" geschehen sein. Man halte das Buch von Tzvetan TODOROV, "Die Eroberung Amerikas" oder andere historische Studien dagegen. - Wieder ist es so, dass eine nicht-kirchliche Menschengruppe verachtet wird (durch Vereinnahmung, durch Verdrehung dessen, was man historisch wissen kann). Eine Institution, die ein solches Verhalten benötigt, ist im Kern dialogunfähig - mag sie noch so oft von "Dialog" reden.
Die Denkfigur im Hintergrund: die Rede von den "anonymen Christen " (Karl Rahner), eine theologisch legitimierte Vereinnahmung. Oder theologisch entwickelte Betriebsblindheit.

Auch die Protestanten werden in einem Dokument vom Juli 07 diskriminiert (mit "Mängeln behaftet", sind lediglich "kirchliche Gemeinschaften"). Solche Positionen sind katholischerseits alt. Der ev, Bishof Huber hat recht: "Von Fahrlässigkeit kann niemand mehr sprechen. Es handelt sich um Vorsatz".

Wer derart konsequent - nun schon in drei Richtungen - mögliche Gesprächspartner "abräumt", braucht keinen Dialog. Aber es macht sich immer gut, von "Vernunft und Dialog" zu sprechen.

 
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010