Sprachkritik - gesellschaftlich relevant

(1) TERMIN, THEMA, EINLADUNG UND ANMELDEFORMULAR für SOMMERAKADEMIE ('Religiosität und Sprachkritik') hier klicken. - Hintergrundinformationen dazu: PDF.

http://www.sommerakademie-blaubeuren.de

(2) Rent a 'Joseph Performance'

Für einen vom jeweiligen Veranstalter zu definierenden guten Zweck lassen sich Prof. Schweizer und seine Frau, Christina Rettich, ausgebildete Flötistin, honorarfrei engagieren: der von Text-Ballast befreite ursprüngliche Text der Josefsgeschichte (Gen 37-50) wird in eigener Übersetzung gelesen, unterbrochen durch 10 Intermezzi auf verschiedenen Blockflöten. Das kommt erfahrungsgemäß sehr unterhaltsam und spannend rüber und ist zudem lehrreich. Dauer ca. 75 Minuten. - Beispiel vom April 2010: Bergkirche, Talheim (Mössingen), zugunsten von Haiti.

Weitere Informationsmöglichkeit: PDF. - Es sei angemerkt, dass das umfangreiche Manuskript für einfaches Lesen gedacht ist - vgl. dazu die farbig im Inhaltsverzeichnis markierten Passagen. - Die weiteren Passagen sind Nachträge für die wissenschaftliche Ebene. Bei beiden Interessenlagen: Orientierung im Inhaltsverzeichnis!

Kontakt: harald.schweizer@uni-tuebingen.de

(3) Bemerkungen zum gesellschaftlichen / politischen Rahmen

Es gibt ständig wiederkehrende Themen in der öffentlichen Diskussion. Einige davon seien hier aufgegriffen: Werte, Terrorismus / Fundamentalismus und Psychologie. Beide - das wird oft übersehen - gründen auf der Art, wie Sprache verwendet wird, wie man Kommunikation praktiziert.

1. "Werte"

Vielen politischen Entscheidungen, letztlich wohl allen, liegen Werte zugrunde, das Wissen darüber, was gut und böse ist. Aber dazu gibt es immer auch widerstrebende Positionen. Kirchen oder philosophisch begründete ethische Positionen diskutieren mit. Ein solcher Diskurs ist einer Demokratie auch angemessen. Vorsichtig sollte man sein, wenn jemand von absoluten, vorgegebenen, feststehenden Werten spricht, die nicht Resultat eines Meinungsbildungsprozesses seien. In einem solchen Fall liegt verkappte Machtausübung vor, übersieht jemand, dass gesellschaftlich gültige Werte immer ausgehandelt und so erworben werden müssen. Sprache und Kommunikation sind die entscheidenden Mittel um Werte zu finden. Folglich ist es geboten, über Sprache und Kommunikation nachzudenken, ihr Funktionieren zu durchschauen, um den Tücken der Sprache nicht zu verfallen. Sprachkritik ist somit in einer funktionierenden Demokratie sehr wichtig. - Im üblichen Schulunterricht lernt man Sprachkritik aber nur begrenzt - wenn überhaupt. Folglich gibt es für Schüler, Studierende und Erwachsene auf diesem Feld viel nachzuholen und beständig zu schulen.

2. Starre Dogmatik = Nicht Lesen können/wollen

Fundamentalismus in vielen Facetten - von Gemeinschaften, die sich von der umgebenden Gesellschaft abschotten, bis hin zu scheinbar religiös motivierten Attentaten - wird in diesen Jahren verstärkt thematisiert. Das Thema der Integration von Mitbürgern aus anderen Kulturen / Religionen sorgt für weitere Aktualität der Fragestellung. Fundamentalismus kann sich aber auch als Wissenschaftsfeindlichkeit zeigen. Einmal mehr werden Darwin und der Schöpfergott gegen einander ausgespielt, oder - durch den katholischen Bischof Mixa - "Adam und Eva" und die Evolution. Kreationismus bzw. die Vorstellung vom Intelligent Design spuken in den Köpfen, werden als alternative Lösungen angesehen.

(Heilige) Schrift(en) und ihr Verhältnis zum Leben, zur wissenschaftlichen Erkenntnis - durch die Jahrhunderte hindurch eine höchst brisante Dauerfragestellung, viel zu häufig mit tödlichem Ausgang im Kontext religiöser Verurteilungen und Folterungen, Glaubenskriegen oder terroristischen Attentaten. Aber auch wo es nicht (mehr) bis zu solchen Konsequenzen kommt, sorgt die Frage, wie man mit seinen Basisschriften umgehen soll, zu sozialen Verhärtungen, Grabenkämpfen, Parallelstrukturen. Derartiges ist Ausdruck dafür, dass "man" nicht miteinander ersprießlich kommunizieren kann. Stattdessen beherrschen Ängste, Unterstellungen, ausgrenzender Spott das Feld.

Wenn derzeit mehr der Islamismus im öffentlichen Blickpunkt steht, so darf dies nicht verstellen, dass christliche Kirchen im Lauf ihrer Geschichte die gleichen Verhaltensweisen praktiziert haben. Und die Christen mussten gegen ihren Willen zur "Räson", d.h. zu zivilisierteren Umgangsformen gebracht werden (Aufklärung, Säkularisation, Ausdifferenzierung des modernen Staates, d.h. Trennung von Staat und Kirche). Der Prozess ist keineswegs abgeschlossen.

Warum der Prozess für die christlichen Glaubensgemeinschaften so schwierig war, derzeit im Bereich des Islam schwierig ist, liegt wieder am Thema: Umgang mit den eigenen Schriften, also mit Sprache, näherhin ist das Problem, dass Inhalte dieser Schriften in Dogmatiken und ideologische Verfestigungen umgemünzt werden. Nicht mehr die ursprünglich bisweilen bewundernswert poetischen Basistexte werden gelesen, sondern primär das, was dogmatische Theologen, Mullahs usw. daraus gemacht haben. Solche Lehrgebäude zementieren den eigenen geistigen Standort, machen unfähig sich auf Anregungen anderer, auf neue Erfahrungen einzulassen. Man "hat" ja die Wahrheit. Der Schritt zu realer Gewalt ist dann nicht mehr weit.

Häufig kann man erleben, wie Zeitgenossen sich weiterhin auf der Ebene des Wortsinnes (den sie zudem als historisch verstehen) bekämpfen. Keiner kann den Teufelskreis verlassen und die Wortbedeutung zugunsten der gemeinten, zweiten Bedeutung zurückstellen. Da machen dann sogenannte "Konservative" und "Progressive" im Grunde den gleichen methodischen Fehler. - Mit ein wenig Sprachreflexion und Methodik kann man erwachsener mit den Texten umgehen. Oft erweisen sie sich dann als interessant und ergiebig - allerdings in einem anderen Sinn, als man es ursprünglich erwartet und wo man sich festgebissen hatte.

3. Sorgfältige Lektüre = psychisch, religiös, therapeutisch relevant

Es ist ein hermeneutisch altes Wissen, dass die Auseinandersetzung mit einem Text, Bild, Musikwerk (von Qualität) psychisch, spirituell ergiebig, ja, das Leben hindurch notwendig ist. Gleichzeitig ist bekannt, dass immer die Tendenz zu ungenauer Wahrnehmung droht: durch Beiziehen von Mustern, die schon bekannt sind, sollen neue Erkenntnisse, die vielleicht lästige Folgen verlangen würden, unterbunden werden. So schützt sich jedes psychische System und versucht seinen bisherigen Status zu konservieren.

Man muss es lernen und sich dabei etwas anstrengen, ein Bild sorgfältig zu beschreiben, einen Text detailliert zu lesen, ein Musikstück analytisch zu hören. Wer im Fall von Texten virtuos die Buchstaben entziffern kann, verfügt nicht automatisch schon über die beschriebene Fähigkeit. Viele Erwachsene können in diesem Sinn nicht lesen. Die Fähigkeit zu dieser zweiten Form des Lesens ermöglicht erst, dass ich Wahrnehmungsmuster bei mir erkenne, sie durchbreche, dass sich mein kommunikatives Verhalten ändert, weil ich neue Möglichkeiten erkannt habe. Das bringt mehr Farbe und Humor ins Leben. Insofern kann man sagen, dass die Sprachkritik, die wir betreiben und anbieten, auch einen therapeutischen Wert hat. Und - nicht unwichtig - nebenher erlaubt sie auch gute Sprechweisen besser zu genießen, Assoziationen, die wachgerufen werden, einzubeziehen.

4. Angebotene Hilfen

Was auf dieser Internetseite zusammengetragen ist, soll aktuelle wissenschaftliche Einsichten zugänglich machen für kritischen Umgang mit Sprache, soll eine Naivität, die schnell gefährlich oder zumindest das Leben behindernd werden kann, abbauen. Die hier genannten Aktivitäten bzw. Publikationen schlagen eine Brücke von der Wissenschaft zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Bewussterer Sprachgebrauch kann eine persönliche Sicherheit schaffen, die tiefer reicht als das dumpfe Anhängen an vorgegebenen Lehrgebäuden.

Es wäre wichtig, dass in Schulen ein Grammatikmodell gelehrt würde, das einerseits gegenwärtige wissenschaftliche Einsichten aufgreift, das andererseits ein sprachlogisches Rüstzeug vermittelt, das man dann bei jeder Einzelsprache, darüber hinaus häufig im Alltag gebrauchen kann. Grammatikunterricht könnte dann wieder spannend werden. - Diesem Anliegen widmen sich das Internetportal und das Buch "Krach oder Grammatik?".

Der Anwendung von Sprachkritik auf wichtige Texte unserer Kultur dient einerseits die jährliche Veranstaltung "Religiosität und Sprachkritik", s. o. Sie ist inzwischen auch für Informatik-Studierende zugänglich ("Informatik und Gesellschaft" bzw. "Schlüsselqualifikationen"). - Für Interessierte im Tübinger Raum gilt die zusätzliche Information, dass es einen monatlichen Lektürekreis mit gleichem Ziel gibt (wer Interesse hat, gebe per mail ein Signal: harald.schweizer@uni-tuebingen.de).

Es liegen Publikationen vor, die den Umgang mit Texten in Theologie / Kirche analysieren. Sie enthalten immer neben Kritik auch positive Vorschläge für Revisionen: Wie gehen Kirche und Theologie mit Sprache um? Wie könnte man einen so "schwierigen" Text wie die "Opferung Isaaks" angemessen und mit Gewinn beschreiben - in Verbindung von Textanalyse und Psychologie?

 

http://www-ct.informatik.uni-tuebingen.de/ct/krs1.htm

 

(4) Publikationen


Internetportal:

An wikipedia orientiert bieten wir seit Sommer 2008 eine Alternativ-Grammatik an. Für Lehre an Schulen wird eine Grammatikstruktur angeboten, die Anregungen der Wissenschaft aufgreift; zugleich werden die Begriffe neu definiert, wird eine explizite Bedeutungslehre (bis auf die Textebene) vorgeschlagen. Es handelt sich um ein positives Gegenkonzept zu dem, was im Buch Krach oder Grammatik? zu kritisieren war. Alle Interessierten sind zur Mitwirkung eingeladen!

Bucherscheinung:

Solange Vorrat reicht, können die Bücher (leicht angestaubt) verbilligt abgegeben werden. 16 Euro (incl. Versand). Wer Interesse hat, gebe per mail ein Signal:
harald.schweizer@uni-tuebingen.de).


Harald Schweizer
Krach oder Grammatik ?
Streitschrift für einen revidierten Sprachunterricht - Kritik und Vorschläge
Frankfurt/M 2008
Peter Lang Verlag
ca. 227 S.
Vorwort, Inhaltsverzeichnis
Einige Problemanzeigen / Auszüge
Beispiel: "Nomen"
SWR2, 15.1.2008, 18.40, ein Interview zur Grammatikkritik

Bucherscheinung:

 
Harald Schweizer
Fantastische "Opferung Isaaks"
Textanalyse in Theorie und Praxis (Beispiel Genesis 22)
Lengerich 2006
Pabst Science Publishers
ca. 370 S.
Beschreibung / Bestellmöglichkeit.
Beschreibung .
Vorwort und Inhaltsverzeichnis.

Bucherscheinung:

 
Harald Schweizer
"...deine Sprache verrät dich!"
Grundkurs Religiosität. Essays zur Sprachkritik.
Forum Religionskritik 1. Münster 2002:
LIT Verlag
ca. 415 S. Euro 30,90.
ISBN 3-8258-5869-3
 
 
Kurztext:
 
Kritik begleitet Religionen immer schon, Kritik durch Profeten, durch Philosophen, Soziologen, Psychologen. "Sprache" diente dabei als anscheinend problemloses Verständigungsmittel.
Dieses Buch setzt tiefer an: "Religiöse Sprache" selbst wird analysiert. Vermeintliche "religiöse Sachthemen" sind immer mit Sprach- und Argumentationsformen verknüpft. Das wird vor dem Hintergrund von Semiotik und Kognitionswissenschaft erläutert.
 
Standardfragestellungen wie die Frage nach Gott, dem Bösen, Wunder, Gebet, Meditation, Bereiche wie Bibelauslegung, Dogmatik, Gemeindearbeit erfahren duch diese Betrachtung kreative und fundamentale Umformungen.
Es ergeben sich weitreichende Konsequenzen - jenseits der Religionsinstitutionen - gesellschaftspolitischer Art, Stichwort: Kultivierung des Seelischen, auch in schulischer Bildung.
 
Harald Schweizer ist Sprach- und Textwissenschaftler in Tübingen, von Haus aus Alttestamentler.
 
Es handelt sich um die gedruckte Fassung der STUDIUM GENERALE-Vorlesung vom SS 2001,
Titel damals: "Kritik religiöser Sprache".
Weitere Informationen dazu: PDF.
Vorwort und Inhaltsverzeichnis des Buches: PDF.  
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 28. März 2013