Vielen politischen Entscheidungen, letztlich wohl allen, liegen Werte zugrunde, das Wissen darüber, was gut und böse ist. Aber dazu gibt es immer auch widerstrebende Positionen. Kirchen oder philosophisch begründete ethische Positionen diskutieren mit. Ein solcher Diskurs ist einer Demokratie auch angemessen. Vorsichtig sollte man sein, wenn jemand von absoluten, vorgegebenen, feststehenden Werten spricht, die nicht Resultat eines Meinungsbildungsprozesses seien. In einem solchen Fall liegt verkappte Machtausübung vor, übersieht jemand, dass gesellschaftlich gültige Werte immer ausgehandelt und so erworben werden müssen. Sprache und Kommunikation sind die entscheidenden Mittel um Werte zu finden. Folglich ist es geboten, über Sprache und Kommunikation nachzudenken, ihr Funktionieren zu durchschauen um den Tücken der Sprache nicht zu verfallen. Sprachkritik ist somit in einer funktionierenden Demokratie sehr wichtig. - Im üblichen Schulunterricht lernt man Sprachkritik aber nur begrenzt - wenn überhaupt. Folglich gibt es für Schüler, Studierende und Erwachsene auf diesem Feld viel nachzuholen und beständig zu schulen.
Fundamentalismus in vielen Facetten - von Gemeinschaften, die sich von der umgebenden Gesellschaft abschotten, bis hin zu scheinbar religiös motivierten Attentaten - wird in diesen Jahren verstärkt thematisiert. Das Thema der Integration von Mitbürgern aus anderen Kulturen / Religionen sorgt für weitere Aktualität der Fragestellung. Fundamentalismus kann sich aber auch als Wissenschaftsfeindlichkeit zeigen. Einmal mehr werden Darwin und der Schöpfergott gegen einander ausgespielt, oder - durch den katholischen Bischof Mixa - "Adam und Eva" und die Evolution. Kreationismus bzw. die Vorstellung vom Intelligent Design spuken in den Köpfen, werden als alternative Lösungen angesehen.
(Heilige) Schrift(en) und ihr Verhältnis zum Leben, zur wissenschaftlichen Erkenntnis - durch die Jahrhunderte hindurch eine höchst brisante Dauerfragestellung, viel zu häufig mit tödlichem Ausgang im Kontext religiöser Verurteilungen und Folterungen, Glaubenskriegen oder terroristischen Attentaten. Aber auch wo es nicht (mehr) bis zu solchen Konsequenzen kommt, sorgt die Frage, wie man mit seinen Basisschriften umgehen soll, zu sozialen Verhärtungen, Grabenkämpfen, Parallelstrukturen. Derartiges ist auch heute noch Ausdruck dafür, dass "man" nicht miteinander ersprießlich kommunizieren kann. Stattdessen beherrschen Ängste, Unterstellungen, ausgrenzender Spott das Feld.
Wenn derzeit mehr der Islamismus im öffentlichen Blickpunkt steht, so darf dies nicht verstellen, dass christliche Kirchen im Lauf ihrer Geschichte die gleichen Verhaltensweisen praktiziert haben. Und die Christen mussten gegen ihren Willen zur "Räson", d.h. zu zivilisierteren Umgangsformen gebracht werden (Aufklärung, Säkularisation, Ausdifferenzierung des modernen Staates, d.h. Trennung von Staat und Kirche). Der Prozess ist ja keineswegs abgeschlossen.
Warum der Prozess für die christlichen Glaubensgemeinschaften so schwierig war, derzeit im Bereich des Islam schwierig ist, liegt wieder am Thema: Umgang mit den eigenen Schriften, also mit Sprache, näherhin ist das Problem, dass Inhalte dieser Schriften in Dogmatiken und ideologische Verfestigungen umgemünzt werden. Nicht mehr die ursprünglich bisweilen bewundernswert poetischen Basistexte werden gelesen, sondern primär das, was dogmatische Theologen, Mullahs daraus gemacht haben. Solche Lehrgebäude zementieren den eigenen geistigen Standort, machen unfähig sich auf Anregungen anderer, auf neue Erfahrungen einzulassen. Man "hat" ja die Wahrheit. Der Schritt zu realer Gewalt ist dann nicht mehr weit.
Häufig kann man erleben, wie Zeitgenossen sich weiterhin auf der Ebene des Wortsinnes (den sie zudem als historisch verstehen) bekämpfen. Keiner kann den Teufelskreis verlassen und die Wortbedeutung zugunsten der gemeinten, zweiten Bedeutung zurückstellen. Da machen dann sogenannte "Konservative" und "Progressive" im Grunde den gleichen methodischen Fehler. - Mit ein wenig Sprachreflexion und Methodik kann man erwachsener mit den Texten umgehen. Oft erweisen sie sich dann als interessant und ergiebig - allerdings in einem anderen Sinn, als man es ursprünglich erwartet und wo man sich festgebissen hatte.
Es ist ein hermeneutisch altes Wissen, dass die Auseinandersetzung mit einem Text, Bild, Musikwerk (von Qualität) psychisch, spirituell ergiebig, ja, das Leben hindurch notwendig ist. Gleichzeitig ist bekannt, dass immer die Tendenz zu ungenauer Wahrnehmung droht: durch Beiziehen von Mustern, die schon bekannt sind, sollen neue Erkenntnisse, die vielleicht lästige Folgen verlangen würden, unterbunden werden. So schützt sich jedes psychische System und versucht seinen bisherigen Status zu konservieren.
Man muss es lernen und sich dabei etwas anstrengen, ein Bild sorgfältig zu beschreiben, einen Text detailliert zu lesen, ein Musikstück analytisch zu hören. Wer im Fall von Texten virtuos die Buchstaben entziffern kann, verfügt nicht automatisch über die beschriebene Fähigkeit. Viele Erwachsene können in diesem Sinn nicht lesen. Die Fähigkeit zu dieser zweiten Form des Lesens ermöglicht erst, dass ich Wahrnehmungsmuster bei mir erkenne, sie durchbreche, dass sich mein kommunikatives Verhalten ändert, weil ich neue Möglichkeiten erkannt habe. Das bringt mehr Farbe und Humor ins Leben. Insofern kann man sagen, dass die Sprachkritik, die wir betreiben und anbieten, auch einen therapeutischen Wert hat.
Was auf dieser Internetseite zusammengetragen ist, soll aktuelle wissenschaftliche Einsichten zugänglich machen für kritischen Umgang mit Sprache, soll eine Naivität, die schnell gefährlich oder zumindest das Leben behindernd werden kann, abbauen. Die hier genannten Aktivitäten bzw. Publikationen schlagen eine Brücke von der Wissenschaft zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Bewussterer Sprachgebrauch kann eine persönliche Sicherheit schaffen, die tiefer reicht als das dumpfe Anhängen an vorgegebenen Lehrgebäuden.
Es wäre wichtig, dass in Schulen ein Grammatikmodell gelehrt würde, das einerseits gegenwärtige wissenschaftliche Einsichten aufgreift, das andererseits ein sprachlogisches Rüstzeug vermittelt, das man dann bei jeder Einzelsprache, darüber hinaus häufig im Alltag gebrauchen kann. Grammatikunterricht könnte dann wieder spannend werden. - Diesem Anliegen widmen sich das Internetportal und das Buch "Krach oder Grammatik?".
Der Anwendung von Sprachkritik auf wichtige Texte unserer Kultur dient einerseits die jährliche Veranstaltung "Religiosität und Sprachkritik", s. o. Sie ist inzwischen auch für Informatik-Studierende zugänglich ("Informatik und Gesellschaft" bzw. "Schlüsselqualifikationen"). - Für Interessierte im Tübinger Raum gilt die zusätzliche Information, dass es einen monatlichen Lektürekreis mit gleichem Ziel gibt (wer Interesse hat, gebe per mail ein Signal: harald.schweizer@uni-tuebingen.de).
Es liegen Publikationen vor, die den Umgang mit Texten in Theologie / Kirche analysieren. Sie enthalten immer neben Kritik auch positive Vorschläge für Revisionen: Wie gehen Kirche und Theologie mit Sprache um? Wie könnte man einen so "schwierigen" Text wie die "Opferung Isaaks" angemessen und mit Gewinn beschreiben - in Verbindung von Textanalyse und Psychologie?
http://www-ct.informatik.uni-tuebingen.de/ct/krs1.htm