Köhlers Rede - textwissenschaftliche Anmerkungen


Wortlaut der Rede

Nicht gleich ausführlich wie die Papst-Rede, aber doch in vergleichbarer Perspektive soll die Rede des Bundespräsidenten beschrieben werden. Das Zusammentreffen der beiden Reden ist zufällig. Es soll auch nicht die eine Maßstab für die andere sein. Es soll nur kontrastiv deutlich werden, wie es von hoher Warte aus rhetorisch auch anders geht.

Gedankengang:

Die Rede - gehalten an der Kepler-Oberschule in Berlin-Neukölln - ist in 16 gedankliche Abschnitte gegliedert.

Einstieg durch 4 Negativ-Befunde im Bildungsbereich. Neben blassen Zahlen ("80.000 Jungen und Mädchen...") und Abstrakta ("Gleichgültigkeit...") auch eine kleine anschauliche Konkretisierung: "Am 4. Juli haben hier 51 Schüler ihr Abschlusszeignis bekommen. Nur einer von ihnen - ich wiederhole: EINER - hatte zu diesem Zeitpunkt eine Lehrstelle bekommen." Das schlägt natürlich zugleich eine Brücke zur aktuellen Hörerschaft. - Es folgt die generelle These in Abschnitt I: "Bildung für alle" - endlich ein positiver Ausblick.

Absatz II beugt einer Selbstberuhigung vor, wir könnten "immer noch" recht zufrieden sein (weiterhin gibt es "Spitzenleistungen"). Rückbindung an Humboldtschen Dreiklang: "klare Bildungsziele, ein Klima der Bildungsfreude und ein modernes Bildungswesen". - Damit ist die Motivationsphase des Vortrags abgeschlossen. Es folgen Konkretisierungen.

Absatz III: Bildung müsse den ganzen Menschen im Blick haben. Also gehört auch dazu die Förderung von "Empathie und Solidarität". Speziell die Staatsform Demokratie ist auf Bildung angewiesen (dagegen wünscht sich Diktatur ungebildete Menschen).

Absatz IV: Verhältnis Deutschlands zu anderen Ländern in Sachen Bildung. Der zunächst abstrakte Text mündet in eine Konkretisierung: "nur etwa 12 Prozent der Menschen im Erwerbsalter (nehmen) an beruflichen Weiterbildungsmaßnahmen teil" - im internationalen Vergleich ein schlechter Wert.

Absatz V: 15 Millionen Menschen mit ausländischen Wurzeln in Deutschland. Thema Integration. Es ist notwendig, dass in solchen Familien nicht nur, aber auch Deutsch gesprochen wird.

Absatz VI: Emotionales Klima für Bildung (Anerkennung, Zielstrebigkeit, Vorbilder). Kultus- und Bildungsminister werden an ihre eigenen Worte erinnert im Gefolge von PISA Defizite abzubauen. Gute Illustrationen durch Verweis auf Simon Rattle, Luan Krasniqi und weitere, die sich auf Schüler einlassen. Konkretisierungen für die häusliche Atmosphäre: Spiel und Gespräch usw., dagegen nicht: Fernseher im Kinderzimmer.

Absatz VIII erwähnt einen schönen Satz von P. Sloterdijk, Lernen sei "die Vorfreude auf sich selbst". Folglich geht es ab dem Kindergarten um Erprobungsgelegenheiten. Und um ein "verpflichtendes und möglichst kostenfreies letztes Kindergartenjahr". Vor allem der Umgang mit der deutschen Sprache muss dabei gefördert werden.

Absatz IX bespricht den "Kanon" der Bildungsinhalte. "Ich bilde mir nicht ein, da Experte zu sein" - dennoch zum Ausgleich zu Naturwissenschaften die Wichtigkeit von Musik, Kunst und Sport betont, weil sie Vernunft und Gefühl zusammenbringen, was wiederum Intuition und Kreativität fördert. Auch die Bedeutung von Religionsunterricht, auch des islamischen, wird hervorgehoben.

Absatz X: Wissen und Erfahrung. Schule muss sich öffnen und Erfahrungsfelder erschließen. Exkursionen, oder gar eigene Schülerfirmen werden angesprochen.

Absatz XI wirbt für gut bemessene Freiräume der einzelnen Schule.

Absatz XII - Beruf des Lehrers ("Helden des Alltags"), praxisbezogene Ausbildung, ausreichende Zahl, weitere Differenzierung nötig: Unterstützung durch Logopäden, Schulpsychologen usw.

Absatz XIII - "Schulen brauchen Partner" (Fördervereine, "Lesepaten").

Absatz XIV: Freiwilliges oder verpflichtendes Soziales bzw. ökologisches Jahr ? "Viele junge Leute warten nur darauf, sich durch Verantwortungsbewusstsein zu beweisen und zu bewähren."

Absatz XV: Finanzen - gute historische Illustration für das, was dabei an Veränderung schon einmal möglich war: "Hier in Berlin waren die Volksschulen 1840 noch vierklassig und kosteten Schulgeld, 15 Jahre später waren sie achtklassig und schulgeldfrei". - Kennedy-Zitat: "Es gibt nur eine Sache auf der Welt, die teurer ist als Bildung - keine Bildung".

Absatz XIV "Bildung für alle - das gelingt am besten, wenn sich alle dafür einsetzen, wenn wir alle uns bewegen. Was hindert uns? Auf geht's!"

Textwissenschaftliche Anmerkungen:

  1. Der Ort der Rede ist angemessen: statt eines feinen Hotels eine Schule im Problembereich Neukölln: Bildungsprobleme hautnah .
  2. Inhaltlich verlangt (wohl?) die Rolle des Bundespräsidenten generell Ausgewogenheit, wenn er ein Thema anschneidet. Deshalb ist der Redner zunächst auch zu bedauern. Übersicht bewahren zu wollen verleitet zu Abstraktion, zu allgemeinen Richtigkeiten, die niemandem wehtun. Derartige Reden sorgen häufig für Langeweile. - Oder der Redner entscheidet sich für die andere Strategie: genügend Einzelaspekte anschneiden und wenigstens so behandeln, dass die Hörer spüren: der Redner hat sich ausreichend damit befasst. Was auch dadurch bestätigt werden kann, dass die verschiedenen Aspekte eine gleiche Tendenz aufweisen, ein Gesamtbild zumindest andeuten (also: Konsistenz der Ausführungen).
  3. Im konkreten Fall erstaunt es, welch unterschiedliche Aspekte des Themas "Bildung" in eine Rede gepackt werden konnten. Es wäre kein Problem, jeden einzelnen Absatz zu einer eigenen Rede (oder Abhandlung) auszugestalten.
  4. Angesichts der Fülle der Aspekte ist der "Ton" der Rede wichtig, die Frage auch, ob der Redner genügend unternimmt, die Aufmerksamkeit der Zuhörer zu gewinnen / zu behalten, wie er seine eigene Rolle einschätzt.
  5. Ich denke, dass die Rede atmosphärisch gut gelungen ist:
  6. Natürlich muss ein umfangreicher Beraterstab im Hintergrund der Rede angenommen werden. Dessen bildungspolitische Vorstellungen bietet die Rede ja in einigermaßen griffig gefassten Zielen. Diese Ziele sind einerseits attraktiv. Andererseits weiß der Redner, dass er nicht die pädagogische Oberinstanz der Republik ist. Daher ist es konsequent und gewinnend, wenn er zwischendurch auch sein Nicht-Wissen eingesteht: "Ich bilde mir nicht ein, da Experte zu sein".
  7. Die Rede will offenkundig zeigen, dass viele Aspekte des Themas "Bildung" vom obersten Repräsentanten zur Kenntnis genommen wurden. Es werden auch immer wieder Vorschläge angedeutet. Hauptziel sind aber nicht einzelne inhaltliche Konzepte, sondern es soll primär ein Motivationsschub ausgehen, es soll verhindert werden, dass nach der ersten PISA-Aufregung und einigen ersten Maßnahmen, der Reformeifer im Bildungsbereich bereits wieder einschläft.

Es muss hier nicht eine finale Bewertung folgen. Der Tendenz nach halte ich die Rede für gut, wenn man Rolle und Zwänge des Redners berücksichtigt. Die Rede ist ein Beispiel, wie jemand aus einer solchen Position heraus einen Lebensbereich zur Sprache bringen kann, wie er Probleme und Lösungsansätze vor Augen stellt. Und wie das alles in einem ermutigenden, auf konkrete Schritte hinzielenden Ton geschehen kann.

Der Redner repräsentiert ein großes Gemeinwesen, ist also von der Erwartung befreit, er müsse als Fach-Wissenschaftler auftreten. Das ist nicht seine Aufgabe. Aber er sollte - auch inhaltlich - Anteil nehmen an den Fragestellungen und Problemen und Motivationen anstoßen. Ich denke, dass das mit dieser Rede ganz gut gelungen ist.

Dabei ist - nun doch gemessen an der Papst-Rede - auch hier der Wechsel zwischen hoher Abstraktion (es geht um das Bild vom Menschen, seinen Bedürfnissen, Möglichkeiten, Rechten und Zielen) und konkreten Einzelmaßnahmen zu bewältigen. Die Fragestellung ist aber recht lebensnah. Man muss keine metaphysischen Grundentscheidungen treffen, die mehr Glaubenssache als überprüfbar sind. Intellektuelle Kraft ist auch nötig beim Versuch sich vorzustellen, wie denn eine Gesamtgesellschaft am besten funktioniert, wie sich eine mehr ganzheitliche Ausbildung auswirkt im Gegensatz zu einer früh berufsorientierten Spezialisierung. Derartiges ist zwar eine Abstraktion, aber nah an der Empirie. Resultate der einen oder anderen Ausrichtung können besichtigt werden. Auf sie kann man verweisen und fragen: Wollen wir das?

Solche Fragestellungen sind lösbar. Aussagen dazu können vielfältige Kommunikationen anregen, durchaus auch kontroverse. Die Ergebnisse können via politischem Prozess, also durch Einbeziehung der Öffentlichkeit, in Entscheidungen umgesetzt werden. Dadurch können die Reflexionen in der Gesellschaft praktisch wirksam werden. - Mit impliziten Beleidigungen, Schwarz-Weiß-Verurteilungen muss niemand arbeiten - es sei denn, ihm wären die Argumente ausgegangen. Die mögliche, vom Bundespräsidenten gewünschte gesellschaftliche Debatte und Aktivität würde Gruppierungen übergehen, die sich nicht fachkompetent und praxisrelevant beteiligen, sich intern aber bestätigen, die alleinige "Wahrheit" oder die entscheidenden "Werte" zu besitzen.

Diese letzte Aussage ist aber nicht lediglich als Seitenhieb zu beurteilen. Vielmehr lässt sich an der Bildungsrede zeigen, was sowieso in einer demokratischen Gesellschaft üblich bzw. notwendig ist: ständige Kommunikation und Überzeugungsarbeit. Es gibt weder Wahrheitsbesitzer noch ein metaphysisches Wahrheits-Refugium, aber viele, die zu einer gemeinschaftlichen Lösung beitragen können. Erbe der Aufklärung.


harald.schweizer@uni-tuebingen.de  
 
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010