Harald Schweizer
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"Glauben" - wie vollzieht sich das?

Wer einen "Schatz" sein Eigen nennt, sorgt eifersüchtig dafür, dass ihm dieser nicht abhanden kommt. Er vergräbt ihn, sperrt ihn in einen Tresor, setzt einen Drachen davor - oder was es sonst noch an Sicherungsmaßnahmen gibt - etwa die Rheintöchter im "Ring der Nibelungen". Der angehäufte Reichtum ist eine Reserve für schlechte Zeiten. Solange gute Zeiten herrschen, muß man die Währungsreserve nur bewahren, braucht sie aber nicht ins Spiel, nicht in Umlauf zu bringen. Es genügt den Schatz zu hüten, ihn zu bewahren.

Ich will natürlich keine Märchen erzählen, sondern den kirchenamtlich-dogmatischen Sprachgebrauch erläutern. Schon lange wird "der Glaube i.S.v. Glaubenslehre" in der katholischen Kirche als Ding, natürlich als wertvolles betrachtet, als "Depot" - so wie ein Aktiendepot. "depositum fidei" - mit diesem Schreiben hat der Papst den Weltkatechismus in Kraft gesetzt -, als Schatz - "thesaurus ecclesiae". Der Papst selbst spricht vom "kostbaren Gut der christlichen Lehre", mehrfach davon, dass dieses Gut, dieser Schatz, zu "hüten" sei. Schon in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts gab es eine Diözesansynode hierzulande zur "Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation". Das Ding namens "Glaube" lässt sich also weiterreichen wie Wassereimer in einer Menschenkette, wenn es irgendwo brennt. Fragt sich nur, wer der schützende Drache vor diesem kostbaren Gut ist?

Es interessieren auch hier der Sprachgebrauch und seine Implikationen. Ein derart statisch und dinghaft verstandener "Glaube" weckt Assoziationen, die in völlig falsche Richtung gehen. Im normalen Sprachgebrauch schließt die Bedeutung von "Glauben" ja beides ein: "nicht genau wissen" ("ich glaube, morgen wird es regnen") und: "persönlich, ganzheitlich überzeugt sein" ("ich glaube an unsere gemeinsame Zukunft"). Beide Aspekte gehören zusammen, sind zwei Seiten der gleichen Münze: die feste persönliche Überzeugung, auf der diverse Einzelentscheidungen aufgebaut werden, geht immer einher mit unsicherem Wissen, Zweifel. Das Licht des Glaubens schließt immer das Dunkel ein. "Glauben" - so gesehen - ist kein religiöses Reservat, sondern eine anspruchsvolle Dynamik im einzelnen Menschen. Sie prägt zwangsläufig auch das Leben derer, die mit verfasster Religion nichts im Sinn haben. Eine solche seelische Dynamik liegt vor, wenn ein Mensch um Halt, um Orientierung seines Lebens ringt, gerade auch nach Erlebnissen, die nach Scheitern und Katastrophe aussehen. "Glauben" ist ein inneres Balancieren. Die Suche nach Halt, auch das Empfinden von Halt, und zugleich das Wissen um das Bedrohtsein. Das Glauben gibt Kraft, kostet aber auch Kraft. Und schließlich: "Glauben" lässt sich nicht willentlich oder rechnerisch erzeugen und herleiten. Das "Glaubenkönnen" speist sich aus anderen seelischen Quellen, hängt wesentlich mit stabilisierenden frühen Erfahrungen in der eigenen Biographie zusammen.

Dieser Sicht stelle man nun die dogmatische Rede vom "Glaubensgut", vom "Glaubensschatz" gegenüber. Ein Ding namens "Glaube" wird "gehütet", "weitergegeben". Die Glaubenslehre wird entgegengenommen. Der Empfangende braucht nur dankbar entgegenzunehmen. - Die ganze innere Dynamik und Ambivalenz, die Bezogenheit auf die individuelle Biographie, von der soeben die Rede war, kann der Mensch sich sparen. Die Amtskirche wirds für ihn schon richten.

Ich denke, dass vier Faktoren bei derartiger dogmatischer Redeweise zusammenkommen:

  1. Durch das Abstraktum "Glaube" wird die seelische Dynamik, die Prozesshaftigkeit des "Glaubens" verdinglicht, versachlicht und von der glaubenden Person abgespalten. Was ein inneres Ringen, Suchen, Sich-Entwickeln war, ist nun ein unpersönliches Gut in einem kirchlichen Tresor.

  2. Damit wird die alte Kontroverse aktualisiert, ob denn mit "Glaube" der persönliche Glaubensakt gemeint sei (reformatorische Position: "fides qua") oder die Übernahme einer Fülle von Lehrinhalten, die im Fall des Katechismus 800 Seiten beanspruchen (nach wie vor katholische Position: "fides quae").

  3. Ganz untheologisch sollten auch Theologen sich mit dem beschäftigen, was etwa Psychologen und Kognitionswissenschaftler zum Thema zu sagen haben. Zum Teil geschieht dies. Der offizielle Katechismus ist jedoch nicht geprägt davon. In geradezu unverfrorener Weise wird das übergangen, was man heutzutage von seelischen oder kognitiven Vorgängen im Menschen wissen kann. Und das hat auch schon Folgen - wie durch Umfragen nachgewiesen ist: Wenn nach seelischer Kompetenz gefragt ist, wenden die Bunderbürger sich vorwiegend an Psychologen, aber nur zum geringsten Teil an die, die seit langer Zeit die "Seelsorge" als ihre zentrale Aufgabe ansehen. Zu den Kirchen gehen in Krisensituation nur wenige. Ist auch nicht verwunderlich: Für Menschen, die einigermaßen gut in der heutigen geistigen Lebenswelt stehen, bedeutet der Katechismus eine Anstiftung zur Schizophrenie.

  4. Es findet sich auch argumentatives Nebelwerfen. "Der Glaube ist ein persönlicher Akt" heißt es richtig in Nr. 166. Aber dieses glaubende "Ich", diese Person wird sofort wieder entmündigt - wie die weitere Erläuterung zeigt: "Niemand kann für sich allein glauben, wie auch niemand für sich allein leben kann". Das ist richtig und banal zugleich. Unter der Hand aber wird unter "Glaube" enggefasst der Rückbezug auf Jesus von Nazaret und die kirchliche Lehre verstanden. Da wird die Banalität zur Augenwischerei.

Auch ein Buddhist oder Hinduist, der noch nie etwas von Jesus oder der kirchlichen Lehre gehört hat, kann nicht allein ins Leben finden, nicht allein leben. Auch er muss ein Grundvertrauen ins Leben entwickeln und wird dies im Gefolge der Erfahrungen in seiner Biographie tun - sofern es stabilisierende, die Eigenentwicklung stützende Erfahrungen waren.

Das kirchliche Motiv ist nicht, dem Einzelnen zu einer guten und belastbaren inneren Verfassung zu verhelfen, so dass er tatsächlich "glauben" kann. Das amtliche Motiv ist vielmehr, den Fortbestand der Institution zu sichern.

Vor diesem Hintergrund erklärt sich dann ein weiteres katholisches essential:
(Nr. 73) "Gott offenbarte sich ganz, indem er seinen eigenen Sohn sandte, in welchem er seinen Bund für immer schloß. Christus ist das endgültige Wort des Vaters, so daß es nach ihm keine weitere Offenbarung mehr geben wird."
Wörter wie "Offenbarung" oder "Inspiration" in profanem Sprachgebrauch genommen bezeichnen etwas Schönes. Wer hätte nicht gern neue Einsichten, neues Verstehen, insofern Offenbarung? Die ganze Zunft der Künstler gäbe es nicht, wenn bei ihnen "Inspiration" nicht vorkäme.
Die Katholiken sollen aber annehmen, dass es seit 2 Jahrtausenden keine Offenbarung mehr gibt, auch weiterhin nicht geben wird. Das Weltbild ist geschlossen. Mag es intern noch manche Ausformulierung geben. Aber qualitativ neue Erkenntnisse werden ausbleiben.

Eine solche Einstellung wirkt wie ein Gefängnis, ist geeignet, Depressionen auszulösen. Aber ich kann mir vorstellen, wie die Replik von Theologen auf solche Einwände aussieht. Es wäre eine vermeintlich sprachkritische Replik:

Ich dürfe nicht den theologischen Terminus "Offenbarung" gleichsetzen mit dem umgangssprachlichen. Die Gleichsetzung sei eine Form von Naivität meinerseits.

Nun, der Ball sei aufgegriffen, ebenfalls sprachkritisch: Luhmann hat in einem ähnlichen Fall schon mal die Theologen darauf hingewiesen, sie könnten nicht ein Wort der Alltagssprache zwar verwenden, gleichzeitig aber sagen: was normalerweise damit gemeint sei, gelte nun aber nicht, sondern sei ganz anders zu verstehen. Wobei dieses "ganz anders" üblicherweise unerläutert bleibt.

Die Alltagssprache verwenden, dann aber behaupten, sie gelte nur in Form einer Sondersprache - das ist ein billiger Trick, eine Ausrede, die kaschiert, dass man sich einer weiteren Erläuterung entzieht, oder dass man nichts mehr zu sagen hat. Mit dem Verweis auf eine Sondersprache verweigern sich Theologen, in der Alltagssprache gemeinsam nach einem akzeptablen Verständnis zu suchen.

An solchen Weichenstellungen entsteht eine geistige Zweit- oder Hinterwelt, die für die Lebenspraxis ausgesprochen gefährlich ist. Die auf Kommunikationsverweigerung basierende Zweitwelt scheint eine höhere Dignität zu besitzen (es ist ja die "Welt Gottes"). Dadurch wird die alltägliche Erstwelt implizit entwertet. Auf diese Weise züchtet man Lebensuntüchtigkeit. Und latent bleibt in den Menschen die Frage, wie man Erst- und Zweitwelt eigentlich zusammen bekommen solle und könne.

Der apologetische theologische Verweis auf die dogmatische Fachsprache offenbart eine Unkenntnis über Funktion von Normalsprache. Nähme man ihn ernst, würde man die Dogmatiker nicht verstehen. Sie bräuchten dann auch keine Katechismen zu schreiben. Privatsprachen sind sinnlos. Oder es gilt die andere Möglichkeit: Theologen - wenn sie schon das alltägliche Verständnis ihrer Begriffe (wie z.B. "Offenbarung") ablehnen - sind unfähig, das, was sie meinen, auch angemessen in Worte zu fassen. - Aber dann sollten sie auch keine Bücher von 800 S. dem Glaubensvolk verbindlich vorsetzen.

Neue "Erkenntnisse und Einsichten", neue "Offenbarungen", sind also römischerseits nicht vorgesehen. Außerhalb des kirchlichen Apparates wird über eine solche Position weitgehend nicht mehr gelacht oder der Kopf geschüttelt - sondern eine solche geistige Position ist schlichtweg nicht diskussionsfähig, sie wird übergangen. Aber eine praxisrelevante Folge der verschrobenen Theorie ist dennoch wichtig: Man könnte sich ja auf den Standpunkt stellen: was irgendwelche theologischen Theoretiker sich in ihren Schreibstuben ausdenken, sollen die unter sich ausfechten. Das praktische Leben, auch das Gemeindeleben, schert sich darum nicht, braucht sich auch nicht darum zu kümmern.

Eine solche Position wäre meiner Ansicht nach grundverkehrt. Denn der Katechismus-Merksatz, wonach keine Offenbarung mehr zu erwarten ist, hat die Sinnspitze zu sagen: die Kirche, wie sie geworden ist, ist gut, ist so zu bewahren. Auch da ist keinerlei substanzielle Veränderung zu erwarten. Die Rede von der abgeschlossenen Offenbarung bleibt also nicht theoretisch. Wie jede Theorie hat sie einen impliziten Praxis- und Lebensbezug. Den sollte man erkennen, bevor man allzu locker die Theorie Theorie sein lässt.

Wer seit dem letzten Konzil für Kirchenreform eintrat, tat das weitgehend blauäugig, weil er übersah - ich beziehe mich phasenweise mit ein -, dass auch dieses Konzil die substanzielle Unveränderbarkeit der Amtskirche festgeschrieben hat. Anders gesagt: das Zeitalter mehr als nur kosmetischer Reformen ist erst angebrochen, sobald auch Veränderungen in diesem dogmatischen Kern vollzogen werden, und neue Offenbarungen tatsächlich für möglich gehalten, erwartet, erhofft und integriert werden.

Aber das, was unser normales Leben aktiviert, verändert, weiterbringt, wird von der offiziellen kirchlichen Lehre abgeblockt: eine neue oder weitergeführte Offenbarung gibt es nicht. Damit hat sich die katholische Lehre in eine sprachliche Zweitwelt verabschiedet und zugleich ein Grundmerkmal jeder Ideologie offenbart: die Abwehr neuer Erkenntnisse und Einsichten. Denn die wären subversiv, würden Veränderung verlangen. Und das darf nicht sein.
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010