Harald Schweizer
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Schwindelerregende Argumentationen

Zauberkünstler gaukeln uns Lösungen vor, von denen wir wissen, dass es sie nicht gibt. Eine schwebende oder zersägte oder mehrfach durchstochene Jungfrau - das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Folglich besteht die Kunst des Zauberers nicht in der Überlistung physikalischer oder medizinisch-biologischer Gesetze. Denen bleibt auch er unterworfen. Seine Leistung ist es, uns, die Zuschauer, irre zu führen, vor uns seine Tricks und Hilfsmittel zu verbergen. Folglich gehört es zum Ehrenkodex der Zunft, solche Tricks nicht auszuplaudern.

Im Falle der Dogmatik fühle ich mich an einen solchen Kodex nicht gebunden, da ich der Zunft nicht angehöre. Was einem da immer wieder begegnet, erinnert an das subtile Nebelwerfen von Illusionisten. Viele Betrachter merken dann dumpf sehr wohl, dass etwas nicht stimmen kann. Aber oft ist es schwierig oder unmöglich, den Trick genau zu benennen.

Erstes Beispiel: Ich hatte schon erwähnt, dass der Katechismus ungeheuer durchstrukturiert ist, ein seelenloses Kommissionsprodukt darstellt, eine riesenhafte Zitatcollage. In dieser Form handelt es sich um eine tote Stoffsammlung, ein Nachschlagwerk, aber nichts, was einen als Leser befeuern, inspirieren, motivieren könnte.

Das wäre nicht weiter tragisch, denn auch von einem Lexikon erwartet man nicht künstlerische Auswirkungen wie bei einem guten Roman.

Aber der Katechismus stellt an sich selbst andere Ansprüche - und da beginnt das Nebelwerfen. Im Begleitschreiben des Papstes und im Katechismus selbst wird mehrfach gesagt, das Werk sei nicht nur systematisch, sondern "organisch" aufgebaut, gedacht als "eine organische Darlegung des ganzen katholischen Glaubens" (Nr. 18).

"organisch" - das assoziiert Leben, naturhafte Prozesse, nicht gesteuert, gar verdreht durch menschliche Eingriffe. Der Katechismus also nicht nur "systematisch" - da stecken Dogmatiker dahinter -, sondern auch "organisch", als naturbelassene Objektivität und insofern schon gut - da fern menschlichen Mitwirkens.

Ja, was gilt denn nun? Ist das Werk ein Machwerk wie jedes Buch: ein gemachtes Werk, das auf Ziele und Interessen der Autoren zurückverweist? Oder ist das Werk die blaue Blume, die fernab der menschlichen Zivilisation "organisch" gewachsen ist, die es nur zu finden gilt? Dass 1+2=5 sei, wird in der Dogmatik nicht behauptet - das wäre zu leicht durchschaubar. Dass "systematisch" + "organisch" zusammen ein faszinierendes, befeuerndes Werk ergeben, das wird behauptet. Dieser Zaubertrick ist etwas schwerer durchschaubar. Aber nichts desto trotz: es bleibt ein Trick.

In einer Begleitpublikation bestätigt Kardinal Ratzinger, dass ich mich in meiner Deutung nicht vertan habe: Der Katechismus liefert (S. 10) "nicht irgendeine private Meinung" - man beachte die angewiderte Verachtung -, sondern formuliert "aus einer großen gemeinschaftlichen Erfahrung" heraus, "die über das bloß Menschliche hinausreicht". Wieder ist Verachtung impliziert: Das Menschliche muß überwunden werden. - Fragt sich nur: Wie? Aber muß man wirklich in dieser unsinnigen Richtung weiterfragen?

Zweites Beispiel: Laut Nr. 33ff - an Vaticanum I angelehnt - kann der Mensch Gott "mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffenen Dingen" gewiß erkennen. Klingt schön, was damit der menschlichen Fähigkeit zugetraut wird. Zugleich folgert eben dieser menschliche Verstand, dass dann ja wohl die Kirche überflüssig sei. Das weckt wiederum Zweifel an der Aussage: die Kirche wird sich doch nicht selbst abschaffen wollen?! Schon gar nicht die Kirchenversammlung, die zugleich das Unfehlbarkeitsdogma verkündete.

Wo liegt also der Denkfehler? Was vermag die menschliche Vernunft? Kann sie wirklich Gott gewiß erkennen? Wenn dem so wäre - nächster Zweifel - dürfte es in der Neuzeit keine Krise des Gottesglaubens geben, keinen Atheismus in verschiedenen Ausprägungen. Der dogmatische Zaubertrick in diesem Fall: Der Lobpreis der menschlichen Vernunft fungiert als Zaubertuch, das den eigentlichen Trick den Blicken entzieht.

Denn die zweite Aussage heißt: Vieles hindert die Menschen, die Vernunft, "ihre angeborene Fähigkeit wirksam und fruchtbar" zu benutzen (Pius XII). Mit der Gewissheit der Vernunfterkenntnis ist es doch nicht so weit her. Daher benötigen die Menschen geradezu die Mittlerdienste der Kirche, und zwar in beiden Richtungen: hinsichtlich der spezifisch christlichen Offenbarung sowieso; aber auch bezüglich des allgemeinen Vernunftgebrauchs, der hierbei schon möglichen Gotteserkenntnis.

Ein genialer Zaubertrick - solange er nicht durchschaut wird: die Menschen werden in ihrer Autonomie anerkannt und gleich wieder versklavt, damit sie ihre Autonomie nur ja richtig praktizieren. Das ist die gleiche Paradoxie, wie wenn Eltern zu ihrem Kind sagen: "Du darfst nicht immer nur tun was wir wollen, du musst frei und spontan selbst entscheiden!" - Unter dem Zaubertuch der Freiheit wird die Bevormundung intensiviert fortgeführt.

Drittes Beispiel: Nr. 40 "Wir können nur von den Geschöpfen her und gemäß unserer beschränkten menschlichen Erkenntnis- und Denkweise von Gott sprechen". Eine alte und richtige Erkenntnis. Adorno drückte sich so aus: "Was jenseits wäre erscheint in den Materialien und Kategorien drinnen". Und was ist drinnen, in unserer erfahrbaren Welt? Lebewesen, Dinge, Orte, Farben, Gerüche, Kommunikationen, Gefühle. Geistige Verarbeitung, die hier ansetzt, ist anschaulich, nachvollziehbar und hilft durch alternative Verhaltensweisen den Lesern, ihre eigenen Verhaltensmuster zu überdenken. Poeten sind immer schon auf die erfahrbare Welt ausgerichtet. Anders geht es auch nicht - wie oben zugestanden.

Aber die Dogmatik liebt den Selbstwiderspruch. Denn in Nr. 42 werden wir aufgefordert, unser Sprechen "von allem Begrenztem, Bildhaftem, Unvollkommenem (zu) läutern". Abgesehen davon, dass hier der Katechismus schon grammatikalisch falsch geschrieben ist - zuviele Endungen auf -m statt auf -n, - wichtiger ist, dass der Leser wieder einmal in einen Widerspruch gestoßen wird: Wenn A gilt ("wir können nur von den Geschöpfen her ... von Gott sprechen" Nr.40), dann ist B unmöglich ("wir müssen unser Sprechen ... von allem Begrenztem ... läutern", Nr.42). "Finster wars, der Mond schien helle..." Derartiger Widersinn wird den Lesern dogmatischer Theologie im Katechismus zugemutet. Im Klartext: Die beschränkten Erkenntnismöglichkeiten gelten auch für Hierarchen und die Glaubenskommission. Sie haben nirgendwo eine Truhe mit der absoluten Wahrheit herumstehen, "geläutert von allem Begrenzten, Bildhaften und Unvollkommenen". Wie sähe eine geläuterte Sprache aus? Es gibt sie nicht, sie würde von niemandem verstanden. Genau die Menschen, die von der Wahrheit sprechen, die konkret, inkarniert wurde, die in einer Person begegnete - und im Geist Jesu immer neu begegnet, empfehlen gleichzeitig die Weltflucht, das Meiden von allem Konkreten, Bildhaften und Unvollkommenen. Das ist amtlich verordnete Schizophrenie mit Hilfe des edlen Stichworts der "Läuterung".

Viertes Beispiel: Wie soeben gesehen, wissen die Kirchentheologen, dass unsere "menschliche Erkenntnis- und Denkweise" beschränkt ist, entsprechend ist es unsere Sprache (Nr. 42). "Läuterung" sei deshalb angesagt: Wie Baron von Münchhausen sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zog, sollen sich die endlichen Menschen selbst in Form der Läuterung aus der Endlichkeit ziehen. Ein Stück weit wenigstens. Wie der Trick bei Münchhausen funktionierte, ist nicht überliefert. Wie die Läuterung der ans Endliche geketteten Sprache funktionieren soll, verrät der Katechismus genausowenig.

Aber vielleicht führt ein praktisches Beispiel weiter. Zu Nr. 302 heißt es: "Die Schöpfung hat ihre eigene Güte und Vollkommenheit. Sie ging jedoch aus den Händen des Schöpfers nicht ganz fertig hervor". Nun, den Eindruck, dass die Schöpfung unvollkommen ist, kann man leicht gewinnen. Aber das soll nicht das Thema sein. Vielmehr ist die Frage, wieso die Dogmatiker dennoch von der "Vollkommenheit" reden. Und es gilt die erkenntnistheoretische Frage, woher sie das denn wissen. Woher haben sie den Maßstab für eine vollkommene Schöpfung, dem die unsere nicht entspricht? Und was befähigt sie, die Erstursache der Schöpfung, nämlich Gott, in seinem Wirken, seinem doch nicht so ganz Vollbringen zu beurteilen? Von welchem Stern aus - aber hier zerbricht das Bild bereits - beobachten und beurteilen die Kirchentheologen sowohl Gott wie die gesamte Schöpfung? Bislang dachte ich, die Dogmatiker seien Teil der Schöpfung, über die sie sich genau so wenig erheben können wie andere.

Die aufgezählten Rückfragen nehmen die zitierten Katechismus-Sätze ernst und zeigen lediglich, welch unsinnige Implikationen darin mittransportiert werden. Die Kommissionsdogmatiker nehmen einen überallmächtiger Beurteilungsstandort ein. Sie überblicken nämlich Gott und Schöpfung.

In ihrem eigenen Sprachgebrauch widersprechen römische Dogmatiker dem, was sie selber über die menschliche Erkenntnis-, Denk- und Sprachfähigkeit gesagt hatten. Ist das nun ein Beispiel für die "Läuterung" der Sprache von aller Begrenztheit? Kaum. Vielmehr liegt hemmungslose Hybris vor, ein Mißachten der eigenen Einstiegserkenntnis. Nicht systematisches Denken liegt vor, sondern Chaos und Willkür.

Diese erkenntnistheoretische Kritik hat auch schon Peter Michel in seinem "Anti-Weltkatechismus" von 1995 zu Recht formuliert: "Da alle Menschen auf der Suche sind, können Wahrheiten nur von jedem einzelnen gefunden werden. Andere mögen sie auch finden, und so kann ein Weltbild entstehen - doch dieses ist für niemanden verbindlich, und es verlangt in gar keinem Fall 'Glaubenszustimmung'. Da dieses Weltbild dynamisch ist, erhebt es auch keinen Anspruch auf 'verpflichtenden' Gehorsam. Wem sollte er auch nützen? Es gibt keine Macht oder keine Paläste, die es zu verteidigen gilt." (28f)

Wer redet wie die Amtskirche, kann - aus welchen Gründen auch immer - die eigene Begrenztheit nicht aushalten, kommt in ihr nicht zurecht. Er braucht daher einfache Aussagen, Allaussagen, - auch wenn er genau besehen dazu nicht in der Lage ist. Durch solche überallmächtige Sprache entsteht eine geschlossene Ideologie, die Akzeptierung verschiedenartiger Meinungen kann, ja muß unterdrückt werden. Wer jedoch die Begrenzungen, die unausrottbaren Bildeinschüsse der eigenen Sprache akzeptiert, richtet sich nicht nur physisch in dieser Welt ein, sondern kann auch geistig besser mit ihr, all ihren Chancen und Dunkelheiten, umgehen. So jemand ist dann auch viel eher eine Hilfe für andere. Diktatoren und Ideologen jedoch gehören gestürzt, hinein ins Endliche und Begrenzte.

Peter Handke hatte schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewarnt, die Sprache als bloßes Glas zu betrachten, durch das man unverzerrt auf die Wirklichkeit hindurchschauen könne. Vielmehr lasse sich mit Sprache "jedes Ding drehen", also verzerren, bis dahin, dass "ein Ding gedreht" wird. Der römische Katechismus ahnt diese Gefahr und versucht sich zu schützen: "So schreibt der Heilige Geist, der Hauptautor der Heiligen Schrift, Taten oft Gott zu, ohne Zweitursachen zu erwähnen" (Nr.304). Wer im Studium nicht explizit gelernt hat, Aristoteles mit biblischer Gedankenwelt zu mixen, kann den Satz nicht verstehen, für den klingt er lediglich bedeutungsschwanger und tiefsinnig. Für die meisten heutigen Leser wurde mit Sprache auch hier "ein Ding gedreht": in ihnen wurde Unverständnis erzeugt, und auf dieser Basis eine diffuse Ehrfurcht.

Fünftes Beispiel: Näher betrachtet strotzt die Katechismusaussage vor erkenntnismäßiger Naivität. Einige Aspekte:

Dogmatiker als Gaukler. Ich erinnere an die einführenden Sätze:

Zauberkünstler gaukeln uns Lösungen vor, von denen wir wissen, dass es sie nicht gibt. Eine schwebende oder zersägte oder mehrfach durchstochene Jungfrau - das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehen. Folglich besteht die Kunst des Zauberers nicht in der Überlistung physikalischer oder medizinisch-biologischer Gesetze. Denen bleibt auch er unterworfen. Seine Leistung ist es, uns, die Zuschauer, irre zu führen, vor uns seine Tricks und Hilfsmittel zu verbergen. Folglich gehört es zum Ehrenkodex der Zunft, solche Tricks nicht auszuplaudern.

Sprachkritik lüftet das Zaubertuch, ist so indiskret zu zeigen, wie dogmatische Tricks funktionieren. Kein Wunder, dass Sprachkritiker von Dogmatikern und ihrer Berufsorganisation exkommuniziert werden.

Da das so ist, kann als weiteres Beispiel für die schwindelerregende Argumentation die Meinung von Kardinal Ratzinger an den Schluss gestellt werden, im Katechismus spiele die Kirche keine zentrale Rolle. "Der Katechismus kennt keinerlei Ekklesiozentrik" (S. 57). - Sämtliche Beobachtungen zur literarischen Struktur widersprechen dem.


Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010