Zur Geschichte des Forschungsprojekts "Josefsgeschichte"

Harald Schweizer

Wahl des Themas:

1980 wurde ich mit einer Arbeit habilitiert, die sich mit Methoden der Textinterpretation beschäftigte (1981 als " Metaphorische Grammatik" publiziert). Mir war aber klar, daß nur über theoretische Reflexion die wissenschaftlichen KollegInnen nicht zu überzeugen sein würden - auch wenn (meinem eigenen Eindruck nach) die neue Konzeption viele innovatorische und interessante Vorschläge enthielt.
Daher war es in den folgenden Jahren mein Interesse, durch praktische Analysen die Fruchbarkeit dieser Methodenkonzeption (orientiert am Dreischritt: SYNTAX-SEMANTIK-PRAGMATIK) nachzuweisen. Ergebnis waren einerseits mehrere Aufsätze, andererseits zunächst eine erste Vorlesung (noch in Mainz) zur Josefsgeschichte, dann (ab SS 83 in Tübingen) viele Spezialseminare unter wechselnden Fragestellungen je zu einzelnen Kapiteln der Josefsgeschichte. Dieser Strang mündete 1985 in die Beantragung eines Forschungsprojekts bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Im Herbst 1986 konnte dieses Projekt (als Teil eines größeren, s.u.) starten - somit auf der Basis einer ganzen Reihe von Vorarbeiten. (Die erste schriftliche Fixierung eines Kapitels - "Textkritik" - vollzog sich im Febr. 1987 - nach Vorarbeiten von Hofstätter und Rabe - in der Chirurgischen Uni-Klinik, wo ich wegen einer Lappalie, die hätte ambulant behandelt werden können, 1 Woche festgehalten wurde - zur Steigerung des Kliniketats bzw. Chefarzthonorars...).

Die Wahl des Themas war durch - mindestens - 4 Faktoren bestimmt:

Zwei inhaltliche Hälften des Projekts:

Die Projektbeschreibung bei der DFG-Beantragung sah zwei Teile des Projekts vor (die in sich noch vielfältig gegliedert sein sollten):

Schon diese Zweiteilung - von weiteren Durchführungen im Einzelnen ganz abgesehen - sollte exemplarischen Charakter in der biblischen Exegese und darüber hinaus haben. Denn dort hat es eine lange Tradition, sich mit den Fragen des ersten Projektteils zu beschäftigen, die Aufgaben des zweiten aber zu vergessen bzw. schon gar nicht zu sehen. Folglich spielen biblische Exegeten in der Methodendiskussion zur Textinterpretation fächerübergreifend keine Rolle, ist doch innerexegetisch - von wenigen Ausnahmen abgesehen - die Methodenreflexion nicht existent.

Zwei zeitliche Hälften des Projekts:

Der erste Teil des Projekts ("Konstituierung des Texts") war 1989 abgeschlossen und konnte für die Publikation vorbereitet werden. Geht man von einer maximalen Dauer von 5 Jahren eines DFG-Projekts aus, dann war eine Laufzeit bis 1991 denkbar. 1989 war die Entwicklung der Datenbank schon in vollem Gang, Eingaben waren bereits möglich und wurden auch getätigt. Im Rahmen der Semantik gab es bereits eine Reihe von Analysevorschlägen zum gesamten Text. Hochgerechnet auf 1991 bestand also die gute Chance, daß auch der 2. Teil würde abgeschlossen werden können, wohl noch nicht publiziert, aber immerhin von der Erarbeitung her.
Die fällige Zwischenbegutachtung 1990 konnte sehr umfangreiches Material aus dem ersten Projektteil vorweisen (z.B. das Manuskript, das dann in 2 Bänden 1991 als THLI 4 veröffentlicht wurde, 550 S.). Oben war erwähnt worden, daß es im Rahmen eines Gesamtprojekts "AT-Textanalyse" noch einen weiteren Projektbereich gab - gleich ausgestattet, wie der unsere. Dort gab es zu diesem Zeitpunkt m.W. lediglich einen kleinen Aufsatz als Leistungsnachweis. Dieser andere Projektbereich erhielt nun die Verlängerung um ein weiteres Jahr, wir dagegen nicht. - Das verwunderte denn doch. Auch war im gleichen Jahr die DFG nicht bereit, das erste Zwischenergebnis des von ihr geförderten Projekts mit einem Druckkostenzuschuß zu bedenken (es wurde 1991 auf eigene Kosten publiziert und erhielt inzwischen eine Reihe von z.T. sehr guten Rezensionen). Die Ablehnungsgründe sind mir bekannt und stellen - nach meinem Urteil - eine wissenschaftliche Bankrotterklärung der Gutachter dar.
Wieso diese Komplikationen? - Nach meiner Einschätzung ließen sich die Gutachter (katholische Exegeten) von Faktum und Pressewirbel meiner Heirat im Jahr 1989 und der Konsequenz beeinflussen, ich würde nach zu erwartendem Fakultätswechsel nicht mehr unter "kath. Theologie" firmieren: Wieso dann weiterhin das "katholische" DFG-Kontigent für diesen Zweck strapazieren? - Höchst wissenschaftliche Motive - sei mit Sarkasmus angemerkt. Wohl etwas deplaziert im Rahmen einer Organisation zur Wissenschaftsförderung wie der DFG.

Der zweite Projektteil wurde auch bei reduzierter personeller Besetzung weitergeführt, er war auch durch die Veränderungen im Rahmen des Wechsels zur neugegründeten Fakultät für Informatik nicht wesentlich beeinträchtigt. Im Gegenteil: Nun konnte - sehr passend - dieser zweite Projektteil aus meiner Perspektive zugleich als exemplarische Demonstration dafür dienen, wie ich mir die "Methodik computerunterstützter Textinterpretation" (=Name des Arbeitsbereichs in Langform; Kurzform: Textwissenschaft) vorstelle. Im Sommer 1994 konnte der "vorläufig endgültige" Abschluß der Arbeiten gefeiert werden.

Die Zeit bis Sommer 1995 war gefüllt mit Vorbereitungen der Buchpublikation (einschließlich eines dreiviertel Jahres, das die - nun erfolgreiche - DFG-Beantragung beanspruchte). 3 Felder waren dabei arbeitsintensiv:

Rückblickend einige Erfahrungen:

Die inhaltlichen Erträge werden an anderer Stelle erläutert. Stattdessen geht es um die Erfahrung mit der eigenen Arbeit und der Arbeit im Rahmen des - wechselnden - Teams:

Ausblick:

Das Projekt ist mit der Publikation von THLI 7 beendet. Es war aber von Anfang an klar - und zwischendurch wurde es im Vorwort von THLI 4 explizit betont -, daß damit natürlich nicht alle Fragen zur Josefsgeschichte als beantwortet behauptet werden. Diese Annahme wäre nicht nur albern, sondern die Aussage ist auch - neben dem allgemeinen Wissen um die Revidierbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse - konkretisierbar:

Welche größere Fragestellung ich in nächster Zeit (und auch in welcher Organisationsform) angehen werde, muß noch definiert werden. Gerade durch die Arbeit an der Josefsgeschichte haben sich viele interessante Felder aufgetan (was die Wahl schwierig macht), vgl. die in THLI 7, Teilband 3 skizzierte Methodenkonzeption. Sicher wird bei einem Folgeprojekt die exklusive Bindung an die Einzelsprache Hebräisch aufgegeben werden. Die praktizierte Methodik bietet ja in vielfältiger Form die Möglichkeit zu übereinzelsprachlichem Einsatz.

 
 
Startseite  |  letzte Aktualisierung: 14. September 2010