Erklärung zum 21. Juli 1989

(16/10/88 + 5/11/88 + 29/12/88 + 15/1/89 + 2/2/89 + 11/3/89 + 9/4/89 28/4/89 + 6/5/89 + 15/5/89 + 28/5/89 + 19/6/89 + 28/6/89 + 8/7/89)

Kein Mensch muß sich für seine Heirat rechtfertigen. Diese Normalität nehme ich auch für mich in Anspruch. Daher werde ich mich öffentlich zum persönlichen Aspekt dieser Entscheidung, die Christina und ich getroffen haben, nicht äußern.

Ich bin aber nicht blind für die damit aufgeworfenen Fragen theologischer, kirchlicher und juristischer Art. Im Rahmen meines Werdegangs hatte ich oft Anlaß, darüber nachzudenken. Hierzu einige Bemerkungen. Im Rahmen meiner Berufstätigkeit bin ich sehr vielen Menschen begegnet. Sie haben - wie ich finde - das Recht, mehr und Authentischeres zu erfahren, als es im Rahmen des publizistischen Staubaufwirbelns möglich ist. Und auch die kirchlichen und staatlichen Institutionen will ich nicht lediglich mit dem Faktum der Heirat konfrontieren, vielmehr Reflexionsstoff für die jeweils zu treffenden Entscheidungen liefern:

(1) Vorweg dies: Diese Entscheidung ist nicht "aufgeladen" mit weiteren Entscheidungen. Sie bedeutet keine grundsätzliche und negative Stellungnahme etwa zum christlichen Glauben, zur wissenschaftlichen Theologie oder zur Kirche. Sie schließt allerdings - s.u. - Kritik an Strukturen der Kirche ein.

(2) Im meinem - nimmt man die Ausbildungszeit hinzu - ca. 25-jährigen Suchen wurden mir die existierenden theologischen Begründungen für den Zölibat samt und sonders belanglos. Das ist nicht nur ein Problem der theoretischen Schlüssigkeit. Vielmehr schien mir, daß die existierenden Begründungen auch in wichtigen Ausbildungsphasen kaum Gegenstand wirklich ernsthafter Auseinandersetzung waren, was ich nur so deuten kann: Die Ausbildenden gaben implizit ihre Verlegenheit zu, gestanden implizit, daß sie ebenfalls keine zureichende Begründung für die zölibatäre Lebensform geben können. Ich sehe in diesem Verhalten durchaus auch einen Akt der Ehrlichkeit, einen Pragmatismus, der immer noch besser ist als blinde und flammende Systemtreue. Es liegt aber doch auch ein großes Maß an Halbherzigkeit und Inkonsequenz darin. Ein Maß, das zumindest mich nicht ein Leben lang tragen kann.

Nur kurz einiges zu den theoretischen Begründungen: (a) Die Tatsache, daß der Eheverzicht im Neuen Testament als Lebensmöglichkeit vorgesehen ist, erlaubt nicht, daraus einen alle bindenden Rechtssatz zu machen. Darüber herrscht weitgehend Konsens. (b) Die gelebte Zeichenhaftigkeit (Verweis auf eine noch ausstehende, größere Wirklichkeit: "um des Himmelreiches willen") hat mich durchaus einige Jahre ernsthaft beschäftigt. Diese Begründung steht und fällt aber mit der Freiwilligkeit. Wer durch institutionelle, finanzielle, aber auch: inner-psychische Klammern im Zölibat festgehalten wird, dabei aber unglücklich ist, präsentiert sich als Wrack, nicht als Hoffnungszeichen. (c) Das Argument der größeren zeitlichen Verfügbarkeit für die Gemeinde ist menschenunwürdig, da es den einzelnen als Arbeitstier sieht. Bei Wissenschaftlern ist es ohnehin sinnlos, weil der intensive Gemeindebezug von vornherein fehlt. Das Argument ist aber auch psychologisch falsch: Ungestillte, zwangsläufig verdrängte seelische Grundbedürfnisse lähmen eher die Kreativität oder - was aufs gleiche hinausläuft - kippen ins Gegenteil: seelenloser Aktionismus.

In theoretischer Hinsicht blieb für mich im Lauf der Jahre eine einzige, natürlich nie amtlicherseits ausgesprochene, überzeugende Erklärung übrig: Der Zölibat ist ein autoritäres Testinstrument. Wer sich nämlich diese gravierenden Eingriffe in sein Intimleben gefallen läßt, der dürfte auch in "leichteren" Fragen sich als gefügig erweisen. Der erzwungene Verzicht auf ganzheitliche Partnerschaft (dem man in einem unreifen Stadium auch noch selbst zustimmt!) löst zwangsläufig innere Konflikte und Schuldgefühle aus. Dadurch wird faktisch die Lenkbarkeit des einzelnen erhöht. Das ist wohl auch der Sinn des Gebots. Der einzelne wird durch die vom System ihm aufgeladenen inneren Belastungen auch auf die im System vorgesehenen Entschuldungsmechanismen, auf die spirituellen Hilfsangebote verwiesen. Faktisch liegt darin eine besondere Raffinesse: Unnötige Probleme und - wie ich finde: untaugliche - Problemlösungen, - beides wird von der Kirche geliefert. Was ist der Effekt für den, der sich darauf einläßt? Er verstrickt sich innerlich, fühlt sich gebunden, findet oft genug nicht die Kraft, sich daraus zu befreien. Und genau das dürfte die Absicht sein.

Insofern ist der Zölibat kein skurriler Nebenaspekt der Kirche, sondern adäquater Ausdruck ihrer streng hierarchischen Struktur. Er ist theoretisch zwar nicht zureichend und menschenwürdig begründbar. Eine besondere religiöse Dimension hat er schon gar nicht. Aber der Zölibat ist in der Tat "kostbar" - zur Aufrechterhaltung der autoritären Struktur. Die Wichtigkeit zeigt sich z.B. darin, daß aus meinem Weihekurs bislang über ein Drittel (!) des Amtes enthoben wurde. Hätten die Kollegen kriminell gehandelt, sie wären sicher noch im Amt (man denke - im Vatikan selber - z.B. an Erzbischof Marcinkus; aber auch auf niedrigerer Ebene gibt es Beispiele!). Mit Milde und Nachsicht wird von der Kirchenleitung reagiert, wenn ein Pfarrer in Jerusalem (!) nazistische Lieder anstimmt; viele Gemeinden sind - je nach Meinung von Gemeindemitgliedern - geistig tot, weil die Pfarrer unfähig zu Nächstenliebe, zu Anregung von Mitarbeit und ermutigender Begleitung sind. Auch das wird "oben" toleriert. Schaut man also danach, in welcher Hinsicht das Handeln der Amtskirche die unmittelbarsten und am meisten ins Leben eingreifenden Auswirkungen hat, so ist zu sagen, daß der Zölibat offenkundig zu den höchsten Werten der Kirche gehört, nicht vergleichbar mit Selbst-, Nächsten- und Gottesliebe (von denen Jesus meinte, darin sei das höchste Gebot zu sehen).

Es ist nur eine Form von Ablenkung, von der man sich nicht täuschen lassen darf, daß das Thema "Zölibat" in Predigten fast nie, in Katechismen verschämt am Rande vorkommt. Es war auch eine Form von Ablenkung, daß jüngst der neue Bischof bei seiner Amtsübernahme die Bewahrung vieler Glaubensinhalte versichern mußte. Der Zölibat war nicht dabei. In der Tat ist er religiös/theologisch ein völliges Nebenthema. Die Kirche als Institution jedoch gewichtet anders, verhält sich so, als handle es sich um einen ganz zentralen Inhalt. Intern, so also, daß es nicht nach außen dringt, werden Kandidaten für das Bischofsamt daraufhin geprüft, ob sie den Zölibat in Frage stellen/gestellt haben. Sie müssen - vor Übertragung des Amtes - eidlich versichern, daß sie eine solche In-Frage-Stellung nie vornehmen werden. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, daß es auf Bischofsebene nach außen kaum Debatten zu diesem Thema gibt.

Die Warum- und Sinn-Frage wird also konsequent nicht gestellt. Folglich wird der, der sich gegen den Zölibat entscheidet, schnell zum "Einzel-, Problemfall". Daß darin je eine Anfrage an die Sinnlosigkeit dieser Koppelung von Amt und Lebensform liegt, wird amtskirchlicherseits verdrängt. Vom Evangelium her wären wahrlich andere Werte vorrangig!

Zu dieser Praxis des Denkverzichts in diesem Punkt paßt der vielfach bestätigte Eindruck, daß amtlicherseits Theologen wohlgelitten sind, die sich hoch abstrakt oder in abgelegenen geschichtlichen Bereichen betätigen. Ihr ganzes kritisches Potential können sie auf diesen abgelegenen "Spielwiesen" einbringen. Gefährdet jedoch wird ihre Existenz, wenn sie sich zu glaubensmäßig völlig belanglosen Fragen wie Zölibat oder Papsttum oder dem finanziell brisanten Verhältnis: Staat - Kirche kritisch äußern. Hier zeigt dann die Kirche, wo ihre eigentlichen Werte liegen!

Diesem so verstandenen Kontext erteile ich mit meinem Schritt eine Absage, ich muß es tun, denn die geistige Zwiespältigkeit würde sich früher oder später auf meinen Umgang mit anderen, auf meine Gesundheit, auf meine Arbeit auswirken. Ich kann es nicht weiter zulassen, daß aus bloßer Systemtreue bzw. rein formalem Gehorsam ein unverstandenes Kirchengesetz einen Keil treibt zwischen mein Denken und Fühlen. Denn, wem wäre mit solcher Schizophrenie gedient?

(3) Ich bin nicht nur zum Wissenschaftler, sondern auch zum Seelsorger ausgebildet worden. Ich habe als Seelsorger mehrere Jahre hauptamtlich und während der Zeit als Wissenschaftler viel nebenamtlich mich engagiert. Sehr viel Positives kam in diesem Rahmen auf mich zurück, hat mich selber weitergebracht. Dafür bleibe ich dankbar. Umgekehrt denke ich, daß ich mich im Bereich der Seelsorge - nach meinen Möglichkeiten - je stark engagiert und manches Kreative entwickelt habe.

Es gibt nun aber die Argumentation, daß in Konfliktfällen wie diesem die Fähigkeit zum Seelsorger nur daran gemessen wird, ob einer den Zölibat einhalten kann und will. Ganz im kirchlichen Dienst stehende, die sich gegen den Zölibat entscheiden, werden - das ist gängige Praxis - zum Schein (für die Gemeinde) in Kur geschickt, um möglichst jedes öffentliche Aufsehen zu verhindern, nach kurzer Übergangszeit stehen diese Kollegen vor dem beruflichen Nichts. Eine solche Hochstilisierung des Themas "Zölibat", die solch brutale biographische Einschnitte nach sich zieht, kann ich nur mit Kopfschütteln quittieren.

"Inzwischen gibt es wieder kaum einen Konflikbereich, der so sehr der kirchlichen Machtausübung und Repression unterliegt wie der Priesterzölibat. Wer ihn als katholischer Theologe öffentlich in Frage zu stellen wagt, muß, sofern die Kirchenleitung einen Zugriff auf ihn hat, mit scharfen Disziplinierungsmaßnahmen rechnen." (S.P. 98)

Ich halte es für eine Perversion, wenn der Zölibat zur Meßblatte für alles wird, was im Bereich der Seelsorge an Engagement vorliegt. Aber selbst, wenn ich diesen perversen Maßstab akzeptieren würde: Es ist mir aus der Praxis keine Äußerung erinnerlich, wonach jemand aus der Zölibatsverpflichtung der Priester einen spirituellen Gewinn bezogen hätte; dagegen sind mir genügend Äußerungen präsent - viel zu viele! -, die Unverständnis über eine solche aufgezwungene Lebensform aussagten. - Was es ebenfalls häufig gab: Ein unverheirateter Amtsträger eignet sich als Projektionsfigur. Viele leben an ihm ihre unverarbeiteten Sehnsüchte aus. Dies führt zu vielen ungesunden, problemverlängernden Kontakten. Im Grunde bräuchte jemand, der diese Lebensform wählt, eine Psychotherapie, um sich angemessen auf diese Situation einstellen zu können (aber dann würde er diese Lebensform wahrscheinlich gar nicht mehr wählen...). (N.B.: Schon vor Hitler hat einer das Bild eines idealen Diktators entworfen. Eine der Forderungen: Er muß Junggeselle sein, dann sind uns die Frauen sicher... - Das soll nur illustrieren, daß man tatsächlich mit einer tiefsitzenden Beziehung zwischen zölibatärer Lebensform und autoritärer Umgangsform rechnen muß.) - Mir scheint auch, daß die aktuellen Probleme der Kirche in der modernen Gesellschaft, die geringe Attraktivität, auch daher rühren, daß viele Menschen intuitiv spüren, daß die Kirche keine überzeugende und positive Einstellung zum zentralen Lebensbereich "Sexualität" vermittelt. Weder die expliziten amtlichen Äußerungen dazu können überzeugen, noch die den Amtsträgern aufgezwungene Lebensform. In den Worten des Direktors der Katholischen Akademie in Bayern: "Die Unterleibsfixierung in der Kirche trägt psychopathologische Züge". Unglaubwürdigkeit in diesem Bereich muß aber ausstrahlen auf viele andere Tätigkeitsfelder der Kirche. Vieles, was vom Evangelium her positiv auch in der Gegenwart zur Sprache gebracht werden könnte, wird seiner Kraft beraubt, nur weil der Lebensbereich "Sexualität" mit unnötigen Sanktionen, Warnungen und Vorschriften belastet wird. Insofern wäre es ein Irrtum zu meinen, das Zölibatsthema wäre eine absonderliche Detailfrage, unverbunden mit allen übrigen kirchlichen Aktivitäten.

Ich werde also hinzunehmen haben, daß man mich von der Seelsorge ausschließt. Das werde ich aber allein als autoritäre Zwangsmaßnahme begreifen können, die meinen Intentionen nicht gerecht wird und die daraus resultiert, daß "das System sich wehrt". Eine individuell angepaßte flexible Problemlösung ist realistischerweise nicht zu erwarten. - Gerade weil ich mich diesen "Systemzwängen" nicht einfach unterordne, erkläre ich meine Bereitschaft, weiterhin im Bereich der Seelsorge tätig zu sein, da ich ihn für wichtig halte. Aus diesem Grund habe ich auch lediglich eine Dispens von der Zölibatsverpflichtung beantragt, nicht etwa eine sogenannte "Laisierung". (Ich verwende zwar den Rechtsbegriff, weil er sich eingebürgert hat. Aber vom Neuen Testament her ist die Trennung: Kleriker - Laien Unsinn).

(4) Meine Entscheidung wird im Rahmen der bestehenden Konkordate "geregelt" werden. Es wird "Abhilfe" geschaffen werden, d.h. der gegenwärtige Schritt wird kein Anlaß zu tiefergehenden Reflexionen oder gar Veränderungen im kirchlichen Rechtssystem sein. Ich gebe mich in dieser Hinsicht keinen Illusionen hin.

In Bezug auf die kirchliche Rechtsauffassung: Ich kritisiere, daß das Kirchenrecht hier wie in anderen Fällen (z.B. Wiederverheiratung Geschiedener) idealistisch und damit den Menschen überfordernd denkt (von der nur als neurotisch zu beurteilenden Sexualfeindlichkeit hier einmal ganz abgesehen). Es ist z.B. nicht positiv vorgesehen, daß ein Mensch nach 20 Jahren anders denkt, daß er sich verändert, daß er manche Entscheidung vom Anfang revidieren will, ja - wenn er sich treu bleiben will -: muß. Es ist nicht vorgesehen, daß Biographien in der Regel ein allmähliches Bewußtwerden bedeuten, was zu anderen Weichenstellungen führen kann. In meinem Fall begann der Lebensweg im Krieg, in der Zeit des NS-Terrors, der - so empfinde ich es - auch für die Folgegeneration unverdaubar ist. Seit einem Monat vor meiner Geburt gilt mein Vater als vermißt. Genügend Stoff zum Aufarbeiten! Ein Rechtsdenken, das einem nun Veränderung im Rahmen solch einer Biographie zum Vorwurf macht, das Sanktionen - unverständlicherweise - bis in ganz andere Bereiche hinein (Berufsausübung) für geboten hält - was ist hier überhaupt strafenswert? -, desavouiert sich selbst. Ein solch starres kirchenrechliches Denken tötet Leben oder zwingt zum Ausweg in die Zweideutigkeit, zur Flucht in Ersatzhandlungen. Auf diese Weise verbogene, gebrochene, geängstigte Amtsträger gibt es wahrlich genug! Ein solch rigides Denken steht damit praktisch im Gegensatz zu dem, was es theoretisch als Botschaft Jesu propagiert. Aus diesem Grund wird die Vorhaltung, ich habe doch einmal dem Bischof die Lebensform des Zölibats versprochen, mich kühl lassen, da sie Ausdruck eines solchen starren Denkens ist. Demnach sind Verweise auf den "Bruch des Versprechens", auf "ewiges Priestersein" nichts anderes als gewalttätige Moralisierungen von Nekrophilen.

Zum Verhältnis Staat - Kirche: Ähnlich wie bei den obigen Ausführungen zum Thema "Seelsorge" gilt auch beim Betätigungsfeld "Wissenschaft", daß ich es für eine Perversion halten würde, wenn das Thema "Zölibat" und meine Berufsausübung miteinander verquickt würden. Die Verpflichtung zum Zölibat war - laut Ausschreibungstext - kein gefordertes Qualifikationsmerkmal. In allem, was ich bislang zur Wissenschaft beigetragen habe - ich denke, es ist nicht wenig - ist der Zölibat weder als Voraussetzung noch als inhaltlicher Faktor ein Thema. Meine Heirat behindert mich weder innerlich noch äußerlich, die Arbeit, die ich seit 1983 an der Universität Tübingen tue, weiterhin zu verrichten. Ich erkläre hiermit auch ausdrücklich, daß ich zu dieser Fortsetzung bereit bin.

Man sollte aber doch noch etwas mehr ins rechtliche Detail gehen: Im Konkordat sind zwei Begründungen vorgesehen, weswegen die Kirche die missio canonica entziehen kann (was dann den Staat viel Geld kostet):

a. Beanstandung der Lehrinhalte (Glaube und Sitte betreffend). - Mir ist von nirgendwoher bekannt, daß es eine solche Beanstandung gegen mich gibt.

b. Beanstandung des Lebenswandels: Dies dürfte hier einschlägig sein. Das gilt es aber genauer zu betrachten: Zu beanstanden, also aus kirchlicher Sicht verwerflich, ist der Rechtsakt der Heirat. Nicht verwerflich und nicht zu beanstanden war, daß wir schon 1 Jahr in gemeinsamer Wohnung leben. Viele Laien im kirchlichen Dienst bekamen den anderen Maßstab, die Jagd auf "wilde Ehen" zu spüren. Bei Priestern wird umgekehrt verfahren. Mir ist dies nicht nur daran aufgefallen, wie mit mir umgegangen wurde. Ich kenne genügend ähnliche Situationen, zudem ist mir das auch schon von sehr hoher amtskirchlicher Seite bestätigt worden: das Problematische ist die Heirat. Bis dahin wird - bei Priestern - sehr viel toleriert. Was kirchlicherseits somit "in Ordnung" ist bzw. nicht angemahnt wird, das Ungeordnetsein, führt zur völlig verqueren Folge, daß der Wunsch, eine Beziehung auf Dauer anzulegen (durch Heirat), sie rechtlich "in Ordnung" zu bringen, diffamiert wird. Eine in jeder Hinsicht unsinnige Logik! Denn das bedeutet doch zugleich: Ein Wegschauen von eheähnlichen Verhältnissen, damit das Zugeständnis, daß der Zölibat nicht durchsetzbar ist, Kuschen nach oben, Diskriminierung der Frau, "die unten" werden zu einer menschenunwürdigen Heimlichtuerei gedrängt, es wird ein Klima der Angst und des Mißtrauens erzeugt!

Das mag die Amtskirche für sich so halten. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, daß sich die Kirche die Möglichkeit zur Dispensierung vom Zölibat selbst einräumt. Noch ist dieses Menschengesetz nicht als ius divinum (= göttliches Recht) definiert worden. Mir ist übrigens auf bischöflicher Ebene bestätigt worden, daß diese Argumentation im Kern richtig ist, aber dennoch werde es eine Dispens nur vom Zölibat nicht geben... Wieder: Gewalttätiger Denkverzicht! Macht also die Amtskirche von der sich selbst eingeräumten Möglichkeit zur Dispens nicht Gebrauch, so kann dies nur Ausdruck irrationaler Starrheit sein.

Dem Staat gegenüber ist die Kirche durch Konkordat gezwungen, ausreichend begründet ihre Anzeige gegen meinen Lebenswandel zu erläutern. Dies ist in mehrfacher Hinsicht für beide Seiten prekär: (a) Der Vorwurf einer falschen Lehre ist nicht erhoben. (b) Eine zentrale religiöse Frage ist das Zölibatsthema auch nicht. Ich behaupte (s.o. Punkt 2): Es ist überhaupt keine religiöse Frage. (c) Bleibt einzig der Rechtsakt der Heirat als Anklagepunkt!

Der Staat muß klar sehen, daß er sich zum zahlungskräftigen Handlanger einer nekrophilen Institution macht, wenn er dabei mitspielt. Er unterstützt die Institution in Bereichen, die mit ihrem Auftrag (Religion, Glaube) im Kern nichts zu tun haben. Laut Grundgesetz unterstützt er dabei Ziele, die nicht die seinen sind (vgl. zum Thema "Familie": Artikel 6 GG).

Das ist meine Sicht der Dinge. Der automatische Ablauf der konkordatären Regelungen wird sich darum wahrscheinlich nicht kümmern. In diesem Fall dürfte es sich als günstig erweisen, daß ich es mir ohnehin seit langem angewöhnt habe, fachlich "über die Zäune zu schauen", in Richtung Sprachwissenschaft, Computerlinguistik, Semitistik. Ich werde aber auf jeden Fall - auch unter neuen Bedingungen - meine angefangenen alttestamentlichen Projekte weiterentwickeln, wissenschaftlichem Nachwuchs auf diesem Feld - ähnlich wie bisher - zur Verfügung stehen. - Daß die staatliche Seite über die immer neu anfallenden Kosten verärgert ist, verstehe ich. Die politisch Handelnden mögen sich aber überlegen, wie effektiv und "mutig" es wäre, diesen Ärger auf dem jeweiligen einzelnen abzuladen. Angemessener Adressat ist stattdessen der amtskirchliche Vertragspartner. - Ich will noch hervorheben, daß die Regelung im Rahmen des Konkordats ein großes Privileg darstellt gegenüber der Situation, in der der einzelne kath. Pfarrer vor Ort steckt: Mir ist aus Einzelfällen bekannt, wie entwürdigend sich die materielle Abhängigkeit nur vom kirchlichen System auswirken kann. Daran ändert nichts, daß man zweifellos bei den Personen, die gegenwärtig die Diözesanleitung darstellen, manches an Wohlwollen und Hilfe bekommen könnte - hätten sie Entscheidungsbefugnis... Aber genau das ist ja der Kern: Wir haben es nicht mit dem Problem einzelner Personen allein, sondern mit einem Strukturproblem zu tun. - Einen Eindruck kann ich jedoch nicht verschweigen: Selbst wenn man das Glück hat, in einer persönlich guten Atmosphäre solche Konflikte andiskutieren (nicht: regeln) zu können (ich kann das von mir sagen), so reicht das nicht. Wer amtskirchlicherseits nicht auch strukturell denkt und nach dem Sinn bestehender Vorschriften fragt, dessen Menschenfreundlichkeit ist eben auch nur Ausdruck dessen, daß er gut geöltes Rädchen im Systemgetriebe ist.

Hauptmotiv der "Regelungen" bei kirchlich-finanziell Abhängigen ist das Nicht-Aufsehen-Erregen, die Vertreibung des "Delinquenten" von seinem Lebens- und Arbeitsort. Es soll möglichst keine Diskussion entstehen. Der infame Gipfel dieser Praxis: Die Pfarrer müssen - wenn sie ein paar Monate finanzieller Überbrückung nicht gefährden wollen - selber kündigen, sich das berufliche Grab selber schaufeln! Arbeitsrechtlich und optisch eine vorteilhafte Sache für die Amtskirche! Man kann es auch so sehen: Sie ist nicht einmal mutig genug, selber zu den eigenen Regelungen zu stehen und diese zu vollziehen!

Aber im wesentlichen richtet sich meine Kritik nicht an mir bekannte Einzelpersonen. Könnten die angesprochenen Fragen in diesem Rahmen verhandelt werden, so läge darin wohl einiges an Hoffnung. Die Kritik richtet sich auf ein Kirchengesetz, das unverständlicherweise zu einem Wesensmerkmal der Kirche hochstilisiert wurde. Das allerdings macht den Vorgang hoffnungslos. Die Jahrhunderte, in denen "die Kirche" (verstanden als "Amtskirche") zu denken pflegt, stehen einem einzelnen nicht zu Verfügung.

(5) Am Schluß der Enzyklika "Mulieris dignitatem" vom 15. August 1988 schreibt der Papst: "Die Kirche sagt also Dank für alle Frauen und für jede einzelne". - Nicht: den Frauen wird gedankt - ein Gedanke, der merkwürdig genug wäre, da sich "die Kirche" bei solch einer Optik in seltener Klarheit als "Männerkirche" zu erkennen gibt. Der sprachlich vermittelte Eindruck: "die Kirche" hier - "die Frauen" dort. Da es nur zwei Geschlechter gibt, sind Kirche und Männer identisch, die Frauen sind ausgegrenzt. Also gedankt wird der "Heiligsten Dreifaltigkeit für die Frauen". Auch der Dank für die Frauen zeigt, daß "die Kirche" ein distanziertes, gestörtes Verhältnis zu den Frauen selbst hat. (Warum auch hat es "die Kirche" nötig, eine ganze Enzyklika über die "Würde der Frau" zu schreiben? Papierener Schuldausgleich angesichts weiterpraktizierten Unrechts?). - Dagegen danke ich der einen Frau, die ihren Lebensweg mit dem meinen verbindet.