An die Empfänger meiner "Erklärung zum 21. Juli 1989"
bzw. an die
mit denen ich darüber hinaus im Gefolge Kontakt hatte.
November 1990     

Prof. Dr. Harald Schweizer
Hakenweg 29
7400 Tübingen 5 (Hirschau)
Tel: 07071/78646

Chronik eines absurden Konflikts

Bezüglich des Konflikts mit der Amtskirche trage ich hier die relevanten Ereignisse zusammen und bewerte sie auch. Es handelt sich zunächst um die Auflistung privater Erfahrungen, die als solche für die meisten der Empfänger unwichtig sind. Wer allerdings ein detaillertes Anschauungsbeispiel für innerkirchlichen Umgang möchte, den dürfte manches hier interessieren. Da zudem die Amtskirche sich mehr und mehr einigelte, jeden Kontakt abbrach und glaubte, damit würden die Zumutungen mir gegenüber am schnellsten vergessen und aus der Welt geschafft, ergreife ich - zur Gedächtnisauffrischung - die Initiative und beende damit dieses Kapitel. Denn latente und unausgegorene Konflikte kenne ich aus meiner kirchlichen Biografie zur Genüge. Ich mute sie mir nicht noch weiter zu.

Vorspiel

10.Juni 89: Brief von mir an Diözesadministrator WB Kuhnle. Ich erbitte die Dispens von der Zölibatsverpflichtung und erläutere, daß dieser Schritt nicht zugleich bedeutet, daß etwa mein Engagement in der pastoralen Arbeit bzw. der theologischen Wissenschaft geschwunden wäre. Auf beiden Ebenen biete ich meine Weiterarbeit an. "Sollte aber doch wieder nur... der bekannte juristische Automatismus ablaufen (=missio canonica-Entzug), so fände ich dies sehr enttäuschend... In diesem Fall würde ich auch nicht zögern - und ich bin entsprechend gewappnet - in der Öffentlichkeit sehr detailliert und praxisnah einiges auszubreiten zu den Punkten: Zölibat (Begründbarkeit, (amts-) kirchliche Praxis - staatsrechtliche Fragen)." - Eine Durchschrift erhält gleichzeitig mein Dienstherr, der Minister für Wissenschaft und Kunst.

Mein Interesse sechs Wochen vor der Heirat war, ein vertrauliches, - wider alle Hoffnung - vielleicht doch positives Signal von der ab 17. Juni 89 neuen Diözesanleitung zu bekommen, positiv im Sinn einer Weiterführung meiner bisherigen Arbeit. Die Chance dazu wollte ich wenigstens einräumen. Ich wollte nicht unmittelbar an die Öffentlichkeit gehen, weil dann - so es überhaupt einen Spielraum gegeben hätte - die Chancen für Kooperation vertan gewesen wären.

27.Juni 89: Gespräch in Rottenburg mit WB Kuhnle. Einerseits eine allgemeine und nutzlose Zölibatsdebatte, andererseits von K. her die Klarstellung, daß nichts anderes als ein missio-Entzug zu erwarten ist. Damit ist auch mein Umgang mit der Öffentlichkeit geklärt. K. weiß keinen genauen Heiratstermin, sondern nur, daß im Lauf des Jahres mit der Heirat zu rechnen ist.

12./14.Juli 89: Briefwechsel. Ich hatte darauf bestanden, daß WB Kuhnle auf mein Dispens-Gesuch schriftlich antwortet. Die Kommunikationsstörungen beginnen. WB Kuhnle versucht mir auszureden, ich würde den Antrag aufrechterhalten. (Ich kann ja verstehen, daß es ihm äußerst unangenehm ist.) Ich widerspreche sofort: Ich halte den Antrag aufrecht, zumal K. mir attestiert hatte, ich hätte kirchenrechtlich korrekt gedacht.

18.Juli 89: Ich informiere Universitätspräsident Dr. Theis vom bevorstehenden Heiratstermin. Ansonsten sind nur sehr wenige Freunde informiert.

1. Runde des Konflikts:

21.Juli 89: Tag der Heirat. Gleichzeitig Veröffentlichung meiner "Erklärung zum 21. Juli 1989" durch ca. 120maligen Direktversand, durch wörtliche Veröffentlichung im "SCHWÄBISCHEN TAGBLATT" am 24.Juli 89, durch leicht gekürzte Veröffentlichung in "PUBLIK-FORUM" Nr.16 vom 4.August 89. Dies alles ist gezielt von mir betrieben worden, weil ich (a) der Überzeugung war (und bin), daß die "Erklärung" sehr viel an Analyse enthält, die generalisierbar ist, also nicht lediglich meine eigene Situation beschreibt. Daher rechnete ich mit breitem Interesse an dem Text. (b) Es war klar, daß ich in meiner Situation ohnehin nicht "einfach" heiraten könnte. Es würde auf jeden Fall öffentlichen Wirbel geben. Daher wollte ich dazu beitragen, daß die Akzente so gesetzt würden, wie sie mir richtig erschienen.

Ich rechnete damit, daß natürlich die Amtskirche in irgendeiner Form der Öffentlichkeit gegenüber reagieren werde. Es war auch damit zu rechnen, daß sie konträre Positionen vertreten, ganz anders argumentieren würde. Das hätte ich akzeptiert, entweder schweigend, oder es hätte sich ein wohl interessanter Diskurs über die anstehenden Fragen ergeben, eine Diskussion mit theologischen, pastoralen, juristischen Aspekten, also eine sachgemäße Diskussion, die weitergeführt hätte.
Es kam jedoch anders:

2. Runde des Konflikts:

7.August 89: Mit Erlaß (A 4604) teilte mir der Bischof den Widerruf des Nihil obstat mit, zugleich die Suspension (von priesterlichen Aufgaben und Funktionen). Bezüglich meiner "Erklärung" ist nur ganz allgemein die Rede von einer "Reihe von unwahren Behauptungen und Unterstellungen".

Dieser gründliche Schlußstrich des Bischofs unter mein Wirken war nicht begleitet - das wäre ja immerhin vorstellbar! - durch den Dank für mein 1 1/2 Jahrzehnte währendes Engagement in Pastoral und Wissenschaft. Das ist ein der Kirchenleitung fernliegender Gedanke, wie ich schon als Dekan im Fall des Kollegen Bartholomäus festgestellt und artikuliert hatte. Es kann auch erwähnt werden, daß ich eine "billige" Arbeitskraft für die Kirche war: Die meiste Zeit wurde ich vom Staat bezahlt. Aber das wird kirchlicherseits hierzulande für selbstverständlich genommen.

Zwar empfand ich - im Erlaß des Bischofs - das Adjektiv "unwahr" als diffamierend. Da die Gegendarstellung aber sehr allgemein verblieb, war ich zunächst geneigt, diese Reaktion "des Apparates" auf sich beruhen zu lassen.

Erst über den Umweg von Zeitungsartikeln erfuhr ich davon, daß gleichzeitig die Diözesanleitung der Öffentlichkeit gegenüber konkreter wurde. SCHWÄBISCHE ZEITUNG vom 9.8.89: "Ausdrücklich weist die Diözesanleitung auch den Vorwurf zurück, die katholische Kirche toleriere eheähnliche Verhältnisse von Priestern und verurteile lediglich ihre Heirat. Diese Behauptung sei unwahr und stelle zudem eine Beleidigung für die große Mehrzahl der Priester dar, welche 'die vom Evangelium empfohlene Ehelosigkeit...leben'".

Mit dieser Konkretisierung, die - wie inzwischen öffentlich nachgewiesen - eine glatte Lüge ist, hat die Bistumsleitung die zweite Runde des Konfliktes eingeläutet und die Probleme, die Mitte Oktober zur öffentlichen Eskalation kamen, selber geschaffen.

Ich selber wollte zwar nicht überstürzt reagieren. Es war mir nun aber klar, daß ich eine solche Diffamierung meiner Person nicht ohne Richtigstellung belassen könne.

20.August 89: Meine PRESSEMITTEILUNG bezieht sich erst auf den Brief des Bischofs. Kurz nach dem Urlaub sind mir die gen. Präzisierungen in der Presse noch nicht bekannt. Es heißt in meiner Pressemitteilung: "Ich werde die Wiederholung solch gefährlich ungeschützter Gegenstellungnahme nicht unwidersprochen lassen". Ich deutete an, daß meine "Erklärung" durch Namen, Daten und Zeugen "steigerungsfähig" ist.

Eröffnete die Bistumsleitung somit die 2. Runde der Auseindersetzung wider besseres Wissen mit dem unhaltbaren Vorwurf der Unwahrheit, so fügte sie einen weiteren Fehler hinzu, der auf sie zurückfallen mußte:

31.August 89: Nach mehrfachem brieflichem Tauziehen und Abklären bestätigt mir der Generalvikar, "daß wir Ihren Antrag, Dispens von der Verpflichtung zum Zölibat zu erhalten, nach Rom weiterleiten werden".

Diese Formulierung entspricht genau meinem Wunsch. Und es war der Bistumsleitung zu diesem Zeitpunkt völlig klar, daß ich auf gar keinen Fall mich auf ein Laisierungsverfahren (Dispens vom Zölibat + Befreiung von priesterlichen Aufgaben) einlassen würde.

Erst durch eigene Recherchen einen Monat später sah ich, daß mir doch ein Laisierungsverfahren unterschoben werden sollte.

Die Diözesanleitung hatte mir nun also zwei mich diffamierende Zumutungen und Provokationen geliefert. Daraus zog ich die Konsequenz:

13.Oktober 89 Schreiben an den Bischof. (a) Ich präzisierte mit ersten Namen meine Behauptung, daß die Diözesanleitung sehr wohl von Paarbeziehungen weiß und sie toleriert. Daraus folgt, daß die Bistumsleitung im August gelogen hat. (b) Ich referiere das Dispens-Verfahren und breche es ab, weil ich offensichtlich getäuscht werden sollte. - Aus beiden Negativ-Erfahrungen ziehe ich die Erkenntnis, daß die Diözesanleitung jeglichen einigermaßen vernünftigen Kontakt unmöglich macht.

17.Oktober 89: Presseerklärung des Ordinariats.

19.Oktober 89: Meine Antwort und Analyse. Mir fällt - bei allem nach wie vor entrüstetem Ton - auf, daß die Bistumsleitung in mehreren Punkten beginnt, durch Nicht-Wiederholung früherer Positionen, sich meiner Sicht der Dinge anzunähern. Dennoch wird auf neue Ungeheuerlichkeiten nicht verzichtet: Der Start des Laisierungsverfahrens sei ein "Angebot" gewesen. Eine solche Aussage ist nichts anderes als zynisch.

23.Oktober 89: Priestertag in Rottenburg. Weiterer taktischer Fehler der Diözesanleitung: Als ob es die eigene Presseerklärung nicht gegeben hätte (die davon nicht mehr spricht), wiederholt der Bischof die Position vom August, wonach es amtskirchlicherseits weder Doppelmoral noch Wissen um bzw. Tolerierung von Paarbeziehungen bei Priestern gebe. Vorwurf des Bischofs an mich: Ich inszeniere eine "Schlammschacht" - was ja immerhin (aber soweit hat er wohl nicht gedacht) das Vorhandensein von "Schlamm" zugibt...

24.Oktober 89: Das Pech des Bischofs: Gleichzeitig mit der Veröffentlichung seiner Aussagen (z.B. im allgemeinen Teil der Südwest-Presse) erschienen im Lokalteil (SCHWÄBISCHES TAGBLATT) zwei Leserinnenbriefe der Professoren-Frauen Neumann und Greil-Bartholomäus, die meine Behauptung bestätigen. SWF 1 verbreitete mindestens zweimal ein Interview mit Frau Neumann. Frau Greil-Bartholomäus sagt wenige Tage später auch in der "Abendschau" von Südwest 3 aus. - Nachdem ich aus amtskirchlicher Sicht kein vertrauenswürdiger Informant mehr bin: Diesen beiden Frauen war schlechterdings nicht mehr zu widersprechen.

25.Oktober 89: Diese von der Diözesanleitung hervorgerufene heillos verfahrene Sackgassen-Situation schlug sich bundesweit - verstärkt durch ein DPA-Feature - in der Presse nieder.

Seither herrscht beim öffentlichen Tauziehen zwischen Bistumsleitung und mir Ruhe.

Oktober 89: Die Fakultät zeigt sich dem Bischof gegenüber devot:

4.November 89: Im SCHWÄBISCHEN TAGBLATT erscheint ein Interview mit mir ("Donnerstagsgast"), in dem ich über Erfahrungen der letzten Zeit berichte. Der Bischof hat "mit der ganzen Autorität des Amtes gelogen". - Zitat aus dem Brief eines engagierten Christen an den Bischof: "Dies aber ist ein menschlich und christlich schwerwiegender Vorgang, der inszwischen viele Rottenburger Diözesanangehörige - Priester wie Laien - sehr stark bedrückt... In jedem Fall ziehen Sie durch Ihre mit Ehrabschneidung verbundene Lüge gegenüber Herrn Prof. Schweizer sowohl im rechtlichen wie moralischen Sinn einen schweren Schuldvorwurf auf sich".

Einige Erkenntnisse aus den berichteten Ereignissen:

1. Es ist mir natürlich eine Genugtuung, daß es möglich war, durch in der Sache und Sprache harte und klare Argumentation, die aber - zumindest hat mir das noch niemand vorgehalten - auf emotional-aufgeblasene, persönlich-aggressive und hohle Diktion verzichtet, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

2. Es ist für einen einzelnen nicht leicht, sich gegen einen kirchlichen Behördenapparat zu wehren. Zum einen hat ein Bischof in der Öffentlichkeit einen viel größeren "Bonus" als so ein 'aufmüpfiger', den meisten unbekannter Professor. Zum anderen spielte das Ordinariat weitgehend auf der Klaviatur der sprachlichen Emotionalisierung (im Gegensatz zur klaren und fairen Argumentation). Damit lassen sich viel unmittelbarer Wirkungen bei den Adressaten erzielen (es kann nur sein, daß sie auch kurzlebiger sind). - Offenbar waren Dispensantrag und Veröffentlichung der "Erklärung" ein solcher Paukenschlag, daß das Ordinariat zunächst konfus eine Überreaktion zeigte und dabei unfreiwillig einiges von den eigenen Machtmechanismen offenbarte.

3. Nachdem die Bistumsleitung meinte, meine Glaubwürdigkeit untergraben zu haben, konnte sie gegen das Zeugnis der beiden Professorenfrauen nun vollends nichts vernünftiges mehr ins Feld führen. Ich danke den beiden Frauen herzlich für ihre Zivilcourage! - Was es auch gab - insofern sind die Frauen die "Spitze eines Eisberges": Mich erreichte manches Versprechen einer öffentlichen Unterstützung, aus dem aber doch nichts wurde (aus innerkirchlicher Rücksichtnahme? Aus Angst?).

4. Argumentativ ist auf dreierlei Ablenkungsmanöver hinzuweisen:

5. Zur Rolle der Presse: Ich kann zunächst nur etwas sagen zu meinen direkten Kontakten mit Redakteur/inn/en (Publik-Forum: Meesmann; Schwäbisches Tagblatt: Keppeler; Spiegel-TV: Geiger; SWF-Abendschau: Uhlig), wobei ich eine ganze Serie Tel.-Kurzinterviews abgelehnt habe: Ich bin beeindruckt von der Sachkompetenz, lebenspraktischen Rationalität und Fairness dieser Damen und Herren. Wo sie gewertet haben, geschah es auf der Basis von Information und Argumentation. Dort, wo erkennbar Interessen im Spiel waren, die nicht die meinigen waren, konnte dies angesprochen werden und wurde respektiert. - Umgekehrt degenerierte die bischöfliche Presse ("Kath. Sonntagsblatt") zum reinen Kampfinstrument: Noch Ende Okt./Anfang Nov. werden die Leser/innen mit der Presseerklärung des Ordinariats vom 17.Okt. konfrontiert. Meine Stellungnahme vom 19.Okt., dem bischöflichen Presseamt direkt zugesandt, findet natürlich keine Aufnahme.

6. Der Gang in die Öffentlichkeit war für jemanden, der immerhin noch so an der Kirche interessiert ist, daß er ihr Veränderungen wünscht, unbedingt notwendig: Ansonsten wären meine Impulse folgenlos versickert, sei es im halb-privaten Gespräch mir der Obrigkeit, im bischöflichen Papierkorb oder in der Personalakte. Der Wunsch und die Mechanismen, Fragesteller wie mich möglichst schnell zu "neutralisieren", sind amtskirchlicherseits immens groß.

7. Die ganze Debatte der "2. Runde" hat sich immer mehr wegbewegt vom Ursprungsthema "Zölibat". Sie wurde immer mehr zu einer Frage des innerkirchlichen Umgangs miteinander. Wäre ein Minister in einem demokratischen Gemeinwesen in der Weise vor die Öffentlichkeit getreten, wie es von der Diözesanleitung zu berichten war, wäre dies ein Rücktrittsgrund. Auch wenn man im Fall der Kirche nicht mit solchen Selbstverständlichkeiten rechnen kann: Unter zivilisierten Menschen stünde mindestens eine öffentlich formulierte Entschuldigung an.

8. Auf ganz unerwartete Weise haben sich Verstärkungen und Bestätigungen ergeben:

Ich kann nur alle bitten, die in irgendeiner Weise von der Fragestellung tangiert sind, ihrerseits wieder auf das Ursprungsthema "Zölibat" hinzulenken. Ich erliege dabei nicht der Illusion, hier könne sich "bald" etwas ändern. Aber es muß doch möglich sein, die mit diesem Gesetz verbundenen Probleme und menschenunwürdigen Situationen zu formulieren und auf allen kirchlichen Ebenen zur Kenntnis zu nehmen, nach außen auch zuzugeben, daß es Schwierigkeiten gibt, vernünftig darüber zu reden! Schon das wäre ein gewaltiger Fortschritt!

Für mich überraschend wird der Konflikt weitergetrieben - z.T. kurios, z.T. nach dem Wilhelm Busch-Motto, wonach dann, wenn über eine Sache allmählich Gras zu wachsen beginnt, sicher ein Kamel (oder Schaf?) kommt, das es wieder wegfrißt:

3. Runde des Konflikts:

18.Nov.89: In mehreren Zeitungen wird mitgeteilt, die 51 Dekane der Diözese hätten sich mit dem Bischof solidarisiert und seien "zutiefst betroffen von der offenkundigen Absicht, den Bischof in seiner Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen". In einer Stellungnahme von mir: Wer der bischöflichen Meinung sei, solle "nicht entrüstete Solidarisierungspapiere produzieren, sondern mich juristisch belangen". (Der ganze Text von SWP am 29.11.89 als Leserbrief abgedruckt.) PUBLIK-FORUM vom 1.Dez.: "Inzwischen steht der Bischof sehr schlecht da".

Zwei Ein- und Ausladungen sind im Nov. zu vermelden:

Im Sept. hatte ich in ThQ 3/89 S.162 geschrieben: "Wie kann die solitäre Existenz aufgebrochen werden, so daß Kommunion auf der Basis von Kommunikation entsteht?" - Laut SCHW.TAGBLATT vom 8.1.90 wird der Bischof beim Neujahrsempfang sagen: "Die 'Communio' einer erneuerten Kirche nämlich ist 'ohne Communicatio nicht zu haben'." - Schön, schön! Mal sehen, wanns zu Kommunikation kommt.

24.11.89: Ganz geheim (nicht für die Öffentlichkeit bestimmt - für wen dann?) die Erklärung der Professoren der Kath.-theol.Fakultät Tübingen. Sie respektieren meinen Schritt, meinen aber, "daß die offentliche Polemik über Herrn Schweizers Schritt einen unabsehbaren Schaden für das Ansehen der Fakultät in der Universität...bedeutet". Die bisherige Diskussion "entspricht weder der Bedeutung der behandelten Gegenstände noch dem für eine theologische Diskussion gebotenen Niveau". "Wir behalten uns vor, zu gegebener Zeit...zu den im Zusammenhang mit dem Schritt von Herrn Schweizer aufgeworfenen Sachfragen (z.B. Zölibat, viri probati) ausführlich und mit den gebotenen Differenzierungen Stellung zu nehmen". - Ich meine: Positiv ist, daß keine platte Solidarisierung mit dem Bischof geboten wird. Ansonsten liegt eine niveauvolle Kapitulation vor, die auseinanderstrebenden Flügel haben sich selber blockiert, eine thematische Auseinandersetzung verhindert. Ich wette, daß die Fakultät nie eine Äußerung zu "Zölibat, viri probati" liefern wird.

4.12.89: Noch eine Solidarisierung: 351 Geistliche der Diözese (von insgesamt über 900!) schrieben einen "offenen Brief" an mich (Sprecher: Lorinser, Glaser, Kaupp u.a.). Mir wird vorgeworfen, ich habe "pauschal einseitig-negativ kritische sowie auch diffamierende Aussagen über die geistliche Lebensform der Ehelosigkeit, über die Kirche im allgemeinen und über unseren Bischof im besonderen gemacht". - Ich nehme dazu in 5 Punkten Stellung, veröffentlicht im SCHWÄB.TAGBLATT v. 8.12.89. Meine seit Juli produzierten Papiere (die z.B. alle auch an Lorinser u.a. gingen) wurden offenbar nicht gelesen. Die Zielrichtung meines Vorgehens (Kritik am System, nicht einzelnen Personen) wurde nicht wahrgenommen, z.T. werden mir Behauptungen unterstellt, die ich nicht gemacht habe (z.B. ich würde pauschal alle Zölibatäre verdächtigen. Das kann auch deshalb nicht sein, weil ich bei einigen mir bekannten Zölibatären überzeugt bin, daß sie innerlich gar nicht in der Lage sind, sich auf eine Frau einzulassen.). - Initiator Lorinser bittet um ein Gespräch. Ich stimme zu, falls ich zuvor die Liste der Unterzeichner bekomme. Ich denke, daß die zu einem "offenen" Brief gehört. Die Liste trifft nie bei mir ein. Daher kommt es auch nicht zu dem Gespräch. - Die SCHWÄBISCHE ZEITUNG, Leutkirch, lehnt mit Schreiben vom 11.12.89 explizit eine Veröffentlichung meiner 5 Punkte ab. Der Chefredakteur glaubt nicht, "daß dies im Interesse unserer Leser wäre". - Was will man von der Monopolzeitung des kath. Oberlandes anderes erwarten?

Dez./Febr.: Die INFORMATIONEN, das diözesan-interne Mitteilungsblatt an die im kirchlichen Dienst Stehenden, druckt den 351er-Brief ab, behauptet sogar, der Redaktion läge die Unterschriftenliste vor (ich als Adressat des Briefs kann das nicht sagen!). Der Abdruck meiner Stellungnahme wird abgelehnt (und durch einen kleinen Artikel gerechtfertigt), gleichzeitig wirft mir die leitende Redakteurin vor: "Ich bin sehr befremdet über die Form, wie Sie die Auseinandersetzung führen. Haben Sie es nötig, eine nicht gerade kirchenfreundliche Presse 'vor Ihren Wagen zu spannen'? Warum denn diese Rechtfertigungsmanie?" Auch "puritanische Verbissenheit" wird mir vorgeworfen. - Welche Logik: Die kirchlich-gebundene Presse verweigert sich und wirft mir vor, zur unabhängigen Presse gegangen zu sein?! Aus meiner Antwort (vom 2.2.90): "Ihre diesbezügliche Entrüstung kann man also auch nur auf den Nenner bringen: Bitte die Eiterbeule (= Zölibat) nicht aufschneiden, sondern den Mund halten, ihre Existenz am besten verschweigen."

16.12.89: Nun doch, modifiziert, im SCHWÄB.TAGBLATT eine öffentliche Erklärung der Fakultät. Es sei durch den publizistischen Wirbel "eine Atmosphäre von Verdächtigungen und Unterstellungen" entstanden. Da irren die Kollegen. Ich habe erfahren - von verschiedensten Seiten, auch von seiten der Kollegen, die jetzt so erregt sind -, daß eine solche Atmosphäre längst besteht, die Fakultät, kirchliche Amtsträger, seit Jahrzehnten begleitet. "Wir haben den Schritt unseres Kollegen... mit jenem Respekt zur Kenntnis genommen, der allen persönlich verantworteten Enscheidungen gebührt". Das ist Schönfärberei: Bei der Hälfte der Profs. habe ich von diesem Respekt nichts gemerkt, da sie in tiefes Schweigen uns gegenüber verfallen sind. - Ansonsten einfallsloses Verschanzen hinter bestehenden Papieren (zu: "viri probati"), gefährlich-schwülstige Abstrahierungen (Recht und Moral seien zu trennen, - an wen richtet sich diese Empfehlung, was meinen die Kollegen damit?), hinter allem verschlüsselt doch mehr Kritik als Verständnis für uns. Keine eigenständige Reflexion zum "Zölibat", sondern Solidarisierung mit dem konkordatsrechtlichen Verfahren, - wohl aus Angst vor einem Dammbruch, einer Diskussion zum Bestand der kath.-theol. Fakultäten. - Eine weitere Illustration, daß der Zölibat nur in einem von Angst gebauten System seinen Platz hat.

20.12.89: Erst jetzt kommt mir ein Beschluß der Fakultät vom 8.12.89 per Protokoll zu Gesicht, mir 1990 die Hilfskraftstunden um 35 mtl. (=die Hälfte des bisherigen Bestandes) zu kürzen. In einem Brief an den Minister beschwere ich mich darüber, kündige an, daß ich mich bei der Suche nach einer neuen Fakultät nicht mehr beteilige, in Zukunft selbst wieder in die Gremien gehe und meine Interessen vertrete. Der Eingriff der Fakultät ist so gravierend, daß er das Potential für eine ganz neue Runde des Konfliktes enthält, die vierte?

4. Runde des Konflikts:

11.1.90: Der Neujahrsempfang des Bischofs (6.1.90) in Rottenburg muß für "kep" vom SCHW.TAGBLATT sehr informativ gewesen sein. Aus Gesprächen am Rande gewann er jedenfalls eine Reihe von Informationen, die ich - als er mich vor 2 Tagen damit konfrontierte - nur bestätigen konnte: a) Der Minister habe als Kompensation die Stelle für Liturgiewissenschaften gestrichen. b) Die Fakultät habe meine Hilfskraftgelder gekürzt. Letzteres hätte ich gern noch verdeckt gehalten, um den Beteiligten noch Zeit zu lassen. Der Punkt a) war abzusehen: Damit wird dem Bischof "elegant" das Problem erspart, zu einer Frau auf Platz 1 der Liste Stellung nehmen zu müssen. Daß Interna im Kontext der Fakultätssuche, die auf jeden Fall heikel ist, durch den ausführlichen Artikel an die Öffentlichkeit kommen, halte ich politisch für schlecht. - Mit all dem ist nun sicher eine neue Konfliktrunde eingeläutet. - Zudem scheint sich die überregionale Presse, u.a. angetrieben durch Drewermanns KLERIKER-Buch, neu für den "Fall" zu interessieren (z.B. DIE ZEIT).

15.Jan.90: Verschiedene Gespräche der letzten Zeit arbeiten in mir und führen zum:


Zusatz zur "Erklärung zum 21. Juli 1989"

Im gen. Papier (Ziff. 3) wurde u.a. die These vertreten, die Position der Amstkirche zum "Zölibat" betreffe nicht einen absonderlichen Nebenaspekt der Kirche. Vielmehr lähme die darin sichtbar werdende Haltung der Amtskirche zum zentralen Lebensbereich "Sexualität" auf breitester Front viele höchst wichtige Tätigkeitsfelder der Kirche.

Um die Illustration dieser These geht es hier. Dabei ziele ich auf die Ebene der Meinungen, des Geredes, der Vermutungen. Bewußt bleiben die angesprochenen Sachverhalte unüberprüft. Im Extremfall - der dann aber doch wieder unwahrscheinlich wäre - wären die behaupteten, vermuteten Sachverhalte alle falsch. Das Problem, um das es mir geht, hätte selbst dann noch Bestand. (Für Fachleute: Es geht nicht um ein semantisch-referentielles, sondern um ein kommunikativ-pragmatisches Wahrheitsverständnis). Folglich geht es nicht um eine verkappte Verleumdung der gemeinten Personen. Es ist vielmehr ein Faktum, daß in Bezug auf sie die zitierten Äußerungen in Umlauf sind. Das interessiert hier.

Die zölibatsbedingte Lähmung ließe sich in vielen Details zeigen: Der zölibatsbedingte Finanzaufwand der Kirche ist gewaltig (man müßte einmal dem Verdacht nachgehen, daß Alimente aus dem allgemeinen Kirchensteueraufkommen bezahlt werden (!); über das Konkordat ist auch der Staat zu großen finanziellen Leistungen gezwungen). Hinsichtlich der Personalpolitik ist es immer schon so, daß hochmotivierte und -qualifizierte TheologInnen nicht genommen werden oder sich schon gar nicht zur Verfügung stellen, nur weil sie zu dieser Lebensform nicht bereit sind. Mit Nicht-Berufen-Sein hat dies - entgegen dem kirchlichen Jargon - überhaupt nichts zu tun: Die Kirche redet vom Berufensein zur Verkündigung der Botschaft Jesu, meint aber die Fähigkeit zu sexuellem Verzicht... Der jetzige Bischof hat im mündlichen Vortrag beim jährlichen Treffen die Professoren der Fakultät gewarnt, "problematische" Berufungen zu betreiben. Nach derzeitiger kirchlicher Lesart sind Frauen problematisch, weil sie Frauen sind, Laien sind generell problematisch, weil sie Nicht-Priester sind, Zölibatäre sind problematisch, weil potentiell ihr Zölibat gefährdet ist. Wer ist dann in Zukunft noch berufbar? Wohl nur Priester, die offenkundig so neurotisch sind, daß ihr Zölibat auf keinen Fall in Gefahr ist? - Welche Perspektive! - Daß dieses Kirchengesetz - personal oder institutionell betrachtet - sich nur durch eklatante Unwahrhaftigkeit und Heuchelei aufrechterhalten läßt, hat u.a. die öffentliche Diskussion der letzten Monate zur Genüge gezeigt. Man nehme noch die Flut von Materialien in DREWERMANNs "Kleriker"-Buch hinzu.

Hier soll nur eine Detail-Illustration gegeben werden. Ich fiel wiederholt in den vergangenen Monaten aus allen Wolken. Solche, die oft bessere innerkirchliche Kontakte haben als ich und deren Integrität anzuzweifeln ich keinerlei Anlaß habe, äußerten - z.T. unabhängig voneinander: Der verstorbene Bischof X. habe ein Kind (gar zwei?) gezeugt, ebenso sein Generalvikar. Aus anderer, sehr verläßlicher Quelle die Äußerung jenes Bischofs: Der Generalvikar mache ihm (in diesem Kontext) Sorgen. Von diesem (der sich als Scharfmacher gegenüber Zölibats"sündern" hervortut) noch - sinngemäß - der Spruch einem geängstigten Pfarrer gegenüber (ein Kind war unterwegs): "Es ist im dritten Monat? Nun, da gibts doch 'ne Lösungsmöglichkeit". (NB: Zölibatsbedingte Abtreibungen sind - wie ich inzwischen, auch von betroffenen Frauen, erfuhr - nicht selten!) - Der Vorsitzende einer Bischofskonferenz habe - in Erwartung von Kardinalsernennungen - seine Lebensgefährtin ausquartiert (nachdem sie erst bei der Bischofsernennung nachgezogen war). Ein anderer quartierte ebenso die Freundin aus - in der Hoffnung Bischof zu werden. Beider Hoffnung erfüllte sich übrigens nicht... Ein Dogmatiker habe einem andern - beide wurden hochrangige Bischöfe - die Freundin ausgespannt, wonach sich - verständlich - das Klima beträchlich verschlechterte zwischen ihnen. Weihbischof Y. sei homosexuell gewesen - was nur insofern erwähnenswert ist, als auf diesem Weg vielleicht die auffallend langen, psychisch bedingten Ausfallzeiten erklärbar werden: Denn mit dieser Veranlagung, in diesem Amt, in diesem Klima konnte er seines Lebens auf keinen Fall froh werden. Der Bischof einer norddeutschen Diözese habe lange einigermaßen offen mit seiner Freundin (bis zu deren Tod) zusammengelebt. Daß in Eichstätt ein Domkapitular in diesem Kontext sein Amt aufgeben mußte (weil er erpreßbar war), ist presseöffentlich. Kardinal Daniélou (unter Paul VI) habe der Herzschlag in einem Pariser Bordell ereilt. Der Bischof von Atlanta trat nicht aus "gesundheitlichen Gründen" zurück (wie es zunächst hieß), sondern wegen der Beziehung zu einer 27-jährigen Sängerin.

Ich höre schon die Vorhaltungen: Über "so etwas" redet man nicht, vor allem nicht unter Akademikern. Man wird mir Schnüffelei vorwerfen, der Bischof kann sein bewährtes Wort von der "Schlammschlacht" wieder hervorholen und damit - absichtlich - vom eigentlichen Problem ablenken. Ich will es aber den Umbiegern und Taktikern schwer machen: Es ist mir gleichgültig, wer privat was macht. Diesen Freiraum beanspruche ich für mich, gestehe ihn aber genauso andern zu. Folglich diskutiere ich nicht die Richtigkeit der obigen Aussagen, mache auch keine Versuche, ihre Richtigkeit zu überprüfen. Mich interessiert dagegen die Tatsache, daß solche Äußerungen im Umlauf sind (juristisch also Analogie zur Gauweiler-Urteil in München). Viele wissen, daß sie leicht multipliziert werden könnten. Als Äußerung habe ich keine einzige erfunden, sondern nur übernommen, u.z. von Personen, von denen ich weiß, daß sie sich nicht in Stammtisch-Äußerungen ergehen. Die 'Obrigkeit' wäre also sicher schlecht beraten, taktisch mit platten Dementis zu reagieren. Sie würde eine Lawine lostreten - bezüglich aller in diesem Papier noch verschlüsselter Informationen. Aber - wie erläutert -: Eine Diskussion über die Richtigkeit der "Sachverhalte" ginge ohnehin am Problem vorbei, denn:

Mir kommt es auf die Hauptthese an: Durch das Zölibatsgesetz wird das Binnenklima der kath. Kirche vergiftet. Verdächtigungen, Mißtrauen, (Sexual-)Neid und/oder Tatsachenaussagen zum Thema "Sexualität" nehmen in den Köpfen einen Raum ein, der das eigentliche Verkündigungsgeschehen verdrängt. Man braucht nur noch - verstärkend - die überflüssigen, sexualfeindlichen Äußerungen der Amtskirche hinzuzunehmen, dann wird bei vielen die innere Verstrickung bei diesem Thema komplett. Damit hat sich dann aber ein Lebensbereich in den geistig-emotionalen Vordergrund geschoben, der - nach allem, was wir wissen können - für die Botschaft Jesu völlig zweitrangig ist. Wenn Theologen heute oft das schwindende Interesse an der Kirche beklagen, über die mangelnde Attraktivität der christlichen Botschaft lamentieren, dann übersehen sie, daß "Glaubwürdigkeit" eine ganzheitliche Kategorie ist. Wer mit hochgestellten Amtsträgern über den Zölibat redet, erfährt allenfalls, daß vielleicht irgendwelche andere mit diesem Gesetz Probleme haben. Mir ist noch nicht begegnet, daß die Repräsentanten des Systems selbst Schwierigkeiten konzedieren. Das ist Pharisäismus. Den gilt es zu bekämpfen.

Wer christlich überzeugend sein will, dabei aber ein Mißtrauen-verbreitendes Sexualgesetz hochhält, keine positiv-beglückende Einstellung zu diesem Lebensbereich vermittelt (und vorlebt), Probleme verdrängt, der dürfte von vornherein auf dem Holzweg sein, der wird für immer mehr Zeitgenossen uninteressant. Der unaufhaltsame Niedergang ist programmiert in einer Gesellschaft, die sich mit autoritären Mechanismen nicht mehr gar so leicht kujonieren läßt. Diese angsterzeugenden kirchlichen Pervertierungen bedaure ich im Blick auf die Botschaft Jesu zutiefst. Sie hätte es nämlich auch heute noch verdient, als befreiende und erlösende Kraft weitergegeben zu werden. An ihr zweifle ich derzeit am wenigsten, am meisten dagegen am innerkirchlichen Geist.


17.Jan.90: Anruf des Präsidenten der Uni. Die Zentrale Verwaltung gibt mir die 35 Std. Hilfskraft-Gelder, die mir die eigene Fakultät genommen hat... - Damit hat sich die Fakultät (wahrscheinlich) um einige Hilfskraft-Stunden bereichert. Sie steht aber ziemlich blamiert da. Beim Wunsch, mich zu ohrfeigen, hielt sie die übergeordnete staatliche Stelle zurück. Daß die einmal erwähnte Begründung stichhaltig ist (man brauche die Gelder für Grundkurse), glaubt wohl niemand mehr: Welcher Grundkurs beginnt im Januar, läuft auch in den Semesterferien? Warum taucht die Begründung nicht einmal mehr im Protokoll auf? - Eine weitere Erfahrung für mich: Vernünftig und rechtlich korrekt handeln derzeit nur die kirchlich ungebundenen staatlichen Stellen. Die kath.-theol. Fakultät reitet irgendein (Zölibats-?)Dämon. Praktisches Beispiel dafür, wie die Zölibatsfrage die Atmosphäre vergiftet. Übrigens muß auch beim Bischofsgespräch (Bischof + Profs). Anfang Dez. die Atmosphäre so verheerend wie wohl noch nie gewesen sein... - Da das "Stunden-Problem" wieder behoben ist, werde ich übermorgen nicht - wie angedroht - in die Fakultätsgremien gehen. - Nachtrag: Einige Profs. scheinen in der Fakultätsratsitzung vom 19/1 erbost darüber gewesen zu sein, daß ich die Hilfskraftstunden bereits wieder bekommen habe. Was beweist das? Daß es von Anfang an nicht um eine Problemlösung ging (da hätte man sich über die für beide Seiten günstige Regelung freuen können), sondern darum, mir eine Lektion zu erteilen.

25.1.90: Laut SCHWäB. ZEITUNG verlangt die SPD-Fraktion im Landtag eine Rechtsklärung mit dem Ziel, daß ich meine Arbeit in der Kath.-theol. Fakultät fortsetzen könne (auch ohne "missio"). Sollte die Kirche einen Ersatz fordern, solle sie ihn selbst bezahlen. Die Stelle für Liturgiewissenschaften sei auf jeden Fall zu besetzen (und nicht zur Kompensation zu streichen). - Die kath.-theol. Fakultät macht sich für eine derartige Lösung nicht stark. Am 19.1.90 hat sie die Stelle für "Einleitungswissenschaften" neu ausgeschrieben.

30.1.90 Schreiben von mir an WB Kuhnle, nachdem ich auf verschiedenen Kanälen hörte, wie er unkorrekt in der Öffentlichkeit argumentiert: (a) Ich hätte das "forum internum" nicht gewahrt, also die Vertraulichkeit im Sinn von "Beichtgeheimnis" gebrochen. - In unserem Gespräch (27.6.89) habe ich weder bei ihm noch er bei mir gebeichtet. Vertraulichkeit war nicht vereinbart. Es war ein offizielles Gespräch mit dem mit meinem Antrag befaßten Bischof. - (b) Ich hätte seine Frage, ob ich bereits in einem eheähnlichen Verhältnis lebe, mit "nein" beantwortet. - Dies ist ein Versuch, meine Glaubwürdigkeit zu untergraben. Denn diese Frage von WB Kuhnle habe ich mit einer Gegenfrage beantwortet, was er denn meine. Er präzisierte: Es gebe Gerüchte, ich sei bereits verheiratet. Das verneinte ich natürlich. Ich stellte auch klar, daß noch 1989 mit einer Heirat zu rechnen sei. All dies geht übrigens auch aus dem Gesprächsprotokoll hervor, das ich anfertigte und WB Kuhnle am 14.7.89 zustellte. Er hat nie dem Inhalt widersprochen. - (c) In der gestrigen Fernsehsendung hat er den "Ich weiß von nichts"-Standpunkt des Bischofs wiederholt. - Dagegen hatte ich ihn schon im Brief an den Bischof (13.10.89) mit entsprechendem Wissen zitiert. - Nunmehr muß man auch den Namen des Weihbischofs mit dem Lüge-Vorwurf verbinden. - 19.2.90: Antwort von WB Kuhnle. In der Frage des "forum internum" gibt er mir Recht. In Punkt (b) weicht er zurück: Ich hätte die Frage "indirekt verneint". Das ist Interpretation seinerseits. Punkt (c): "Sicher nur... wenige" Priester lebten in zweideutigen Verhältnissen. "Es war überhaupt keine Rede davon, daß mir solche Priester bekannt seien". - 22.2.90: Meine Antwort. Ich nenne ihm 2 Beispiele aus dem Kreis seiner nächsten Umgebung, wo offensichtlich die Öffentlichkeit mehr weiß als er... "Merken Sie denn wirklich nicht, daß - in den Augen vieler - Sie damit ins Getto der Unglaubwürdigkeit marschiert sind?" - Ende des Briefwechsels. Meine Aussagen bleiben - wie vieles in den letzten Monaten - undementiert.

21.4.90: Am selben Tag bekomme ich folgende zwei Informationen: (a) Von einem Ermittler in Strafsachen: Anläßlich der Ermittlungen im Mordfall an einer Taxifahrerin stieß man - über deren Kalender und Adressenliste - darauf, daß 3 kath. Pfarrer jener Region gleichzeitig sexuelle Kontakte zu ihr hatten. Die Frau hatte offenbar auch als Dirne gearbeitet. - (b) Ich erhalte das Heft "Berufung". Zur Pastoral der geistlichen Berufe. 1990 Heft 28" (Hg: Informationszentrum Berufe der Kirche, Frbg. i.B): Informationen, Predigten, Meditationen für den "Welttag der geistlichen Berufe" (4. Ostersonntag). Laut Haupt- und Zwischenüberschriften ist der "Zölibat" kein Thema, nicht der Rede wert...!

Mitte Oktober '89 hatte ich Bischof Dr. Kasper vorgeworfen, er streue - konform mit der amtskirchlichen Linie - der Öffentlichkeit "frommen Sand in die Augen". Das gen. Heft beweist einmal mehr die Richtigkeit dieser Aussage. Nun ist es Bischof Hemmerle, den der Vorwurf trifft: "Theologie der Berufung" sei zugleich "Anthropologie der Berufung". Statt die eigene vollmundige Aussage weiterzuverfolgen wird die eingeschlagene Richtung sofort wieder verbarrikadiert, denn man dürfe "Menschsein selber nicht von einer Summe von Eigenschaften, Ansprüchen und Bedürfnissen her" definieren. Dort, wo der Bischof also beginnen wollte und sollte, hört er bereits wieder auf: Wollte er nicht "Berufung" und menschliche Grundbedingungen, -bedürfnisse zusammen zur Sprache bringen? Er weicht dieser Aufgabe also genauso aus wie ausnahmslos meine kirchlichen Ausbilder und Vorgesetzten in 25 Jahren. - Wenig später B. Hemmerle: "Es geht in der Berufungspastoral gerade nicht um eine Leibfeindlichkeit, sondern um die Frage, wie Leibhaftigkeit als Ernstfall von Existenz, als Ort, sich auszudrücken oder zu verschweigen, sich zu verschenken oder zu verweigern, sich hinzugeben oder sich zu spüren, Leib also als Ort der Sprache, der Liebe und des Todes vom rufenden Gott in Anspruch genommen ist". - Glücklich, wer verstanden hat, was der Bischof meint, und wer das "sich ausdrücken, verschenken, hingeben, das Verständnis des Leibes als Ort der Sprache, der Liebe" sogar noch mit dem Zölibat zusammenbringen kann... Denn das ist es doch wohl, was der Bischof beabsichtigt?! Hier liegt bischöflicherseits der Versuch vor, das geistige innere Gerüst der Leser/Hörer zum Einsturz zu bringen! Mit einigermaßen normalem Empfinden hat diese Schizophrenie nichts mehr zu tun.

Weder Bischof Hemmerle in seinem Beitrag noch das ganze Heft beantworten das Problem, das ich im Nov. '89 im Brief an den IV. Kurs des Wilhelmstiftes beschrieb: "Keiner der Ausbilder konnte mir vermitteln, wie das geht: Ganz Mensch werden, liebesfähig - das ist ja nach dem NT notwendig -, wobei man auf entscheidende Reifestufen zu verzichten habe. Solche psychologischen Grundgesetze lassen sich durch keine katholische Willensantrengung außer Kraft setzen."

Geistig unter Niveau der Beitrag von P. Wolf (Regens des Freiburger Priesterseminars): Seine statistischen Zahlen dokumentieren für den Bereich "Priesterausbildung" im Grund bereits den Bankrott der kath. Kirche in der BRD, gilt doch für nicht wenige Seminare, daß die Zahl der Studienanfänger unter der Zahl der Neupriester (!) liegt. Die Altersstruktur des Klerus - ein längst bekanntes Faktum - ist schon verheerend und verschlimmert sich rapide weiter. Und was sind die Ursachen? Worin läge die Möglichkeit einer Trendwende? - P. Wolf stammelt, ist ratlos, beendet seinen Artikel mit einem Gebet. Nichts gegen letzteres! Wenn damit aber klare Analysen und Urteile verhindert werden sollen, können die frommen Worte zur Volksverdummung werden. An die mit dem Zölibat zusammenhängenden Fragen scheint nämlich P. Wolf nicht zu denken. Er schreibt davon nicht. Wie ernst soll man diesen Regens eines Priesterseminars nehmen?

23.5.90: Mein Kirchenaustritt. Bei aller Aggression und Enttäuschung, Gefühle, die mich durchaus zwischendurch befielen, habe ich bewußt nichts überstürzt, lange gewartet, geprüft, diskutiert. Aber nun ist dieser Schritt "reif". Ziff.1 meiner "Erklärung zur 21.Juli 1989" revidiere ich damit, was die "Kirche" betrifft. Es war mir nicht absehbar, wieviele Schuppen in Bezug auf sie mir noch von den Augen fallen würden. - Ich verzichte in diesem Papier bewußt auf eine "allgemeine Lagebeschreibung" der Kirche. Sie würde das Papier sprengen. Daher nur jetzt aktuelle, zufällig zusammenkommende Informationen: Gestern sagte mir ein Kollege der kath.-theol. Fakultät, er wisse nicht, was er mache, falls Rom seine Linie weiterführt (und z.B. - wie gemunkelt wird - die "Pillenenzyklika" dogmatisiert). Anscheinend wird bereits Ratzinger im Vatikan rechts überholt...! - Im Radio: WB Haas, der Opus-Dei-Mann, wird in Chur zum Bischof ernannt. - In Publik-Forum Nr.10 Zitat der deutschsprachigen Pastoraltheologen: "Es werden auf allen Ebenen Entwicklungen verstärkt, die die Kirche auf den Status einer Sekte schrumpfen lassen". - Wollte man die geistigen Amokläufe, die die Kirche nun schon seit Jahren praktiziert, auflisten, - man käme lang nicht an ein Ende. Daher verzichte ich hier darauf. Eines ist aber klar: Das gegenwärtige geistige Klima hat nichts mit den Bedingungen zu tun, unter denen ich 1964 das Theologiestudium begann!

28.6.90 Es gibt Indizien, wonach mancher im Klerus sich überlegt, ob er sich beim Ausstieg aus dem Zölibat und damit aus dem Amt durch ein bißchen Überbrückungsgeld den Mund verbieten lassen soll, ob das öffentliche Formulieren und Vollziehen des Schritts der eigenen Würde nicht angemessener ist. Zudem vermute ich : Das rechtzeitige Offenlegen der amtskirchlichen Maßnahmen bei einem zölibatsbedingten Ausscheiden aus dem Amt könnte diese sogar abhalten von einem noch rigideren Vorgehen als bisher.

Juli '90: Eine studentische Initiative produziert die "Käther", eine Theologenzeitung im Wilhelmstift als Forum des Dialogs und kritischen Diskussion. Ich wurde zu einem Resümee des vergangenen Jahres eingeladen. Daraus: "Das praktische Verhalten der Amtskirche im vergangenen Jahr mir gegenüber hat meine Thesen (in der "Erklärung zum 21. Juli 1989") mit Nachdruck bestätigt... Die Blockade gegen Dialog ist in der Kirche - aller vollmundigen Erklärungen zum Trotz - weit verbreitet."

Juli/August '90: Die amtskirchlichen Absetzbewegungen bzw. "Bestrafungsaktionen" laufen - auf typisch-kirchlich verdeckte Weise:

1.Okt.90: Anruf einer älteren Frau. Seit 37 Jahren hatte sie eine enge Beziehung zu einem inzwischen mit hohem kirchlichen Rang (Ordensprovinzial) ausgestatteten Amtsträger, der parallel allerdings noch Beziehungen zu anderen Frauen hatte und die Anruferin inzwischen mehr oder weniger "ausgebootet" hat. Sie ist vereinsamt, leidet unter dem langen Versteckspiel, unter dem Verzicht auf Ehe und Kinder, hat Krebs, ist wütend auf die Doppelmoral und die Angstmechanismen der Kirche. Unmittelbarer Auslöser für den Anruf: Der gestrige Fernsehbericht, wonach die kommende Bischofssynode in Rom sich mit dem Thema "Priester" beschäftigen werde. - Ich schreibe dieses Vorkommnis nicht aus moralischer Entrüstung auf - so demütigend die Vorgänge für die Frau sind. Vielmehr liegt ein - wenig überraschendes - weiteres Beispiel dafür vor, in welche heillosen Verstrickungen das Gebot des Zölibats führt, Vgl. meine "Erklärung" Ziff. (3). Warum sollen von diesen Mechanismen obere kirchliche Ränge ausgeschlossen sein? Der Skandal liegt darin, daß die gleichen Leute von amtswegen gegen andere Sanktionen verhängen, sie aus den Ämtern entfernen, obwohl sie genau wissen, daß sie Grund genug hätten, sich gleich mitzususpendieren (wenn sie schon zu feige sind, sich bei der Änderung der Kirchenordnung zu engagieren). Die Heuchelei auf hoher Amtsebene ist das Problem.- Nach intensivem postalischem Kontakt beende ich den Austausch, da statt meiner besser ein Psychologe auf die Frau eingehen sollte.

12.10.90: Wohl-abgestimmt, was die (Schein-)Begründungen der Gutachter betrifft, lehnt die DFG auch meinen Antrag auf Druckbeihilfe für die wissenschaftliche Ausgabe der Josefsgeschichte ab. Nur bei "drastischer" (= demütigender, das Werk entwertender) "Kürzung" könne ich nochmals einen Antrag stellen... Ein Schuft, der Böses dabei denkt! - Und wenn ich privat zahlen muß: Ich lasse mir nicht das Werk durch jene bedeutenden Gutachter vermiesen!

2.Nov.90: Fritz König, hiesiger Klinikpfarrer, schickt seine "Erklärung" (=seinen Brief an den Bischof mit ernsthaft-ehrlich begründeter Bitte um Dispens vom Zölibat) an seine Bekannten. Zum 31.10.90 wurde er amtsenthoben. So ist das also: Wenn einer nicht heiratet, es unmittelbar auch nicht beabsichtigt, sondern nur einen kirchenrechtlich möglichen Antrag stellt, ist er schon seinen Beruf los. Öffentlich kundzutun, man halte Partnerschaft zwischen Mann und Frau für etwas für das eigene Leben notwendiges, ist kirchlich betrachtet - in diesem Amt - eine Todsünde. Offenbar litt im Gespräch mit dem Bischof dieser nicht erkennbar unter dieser Perversität, dem damit verbundenen Aderlaß an Amtsträgern, sondern er vereinbarte in großer Freundlichkeit mit dem Antragsteller dessen Rauswurf zum Ende Oktober. Einer, der sich nicht verbiegen lassen will, traf auf einen aus einer anderen Welt.

8.Nov.90: WB Kuhnle gebe auf Ostern nächsten Jahres sein Bischofsamt auf. Das ist zunächst seine Privatentscheidung. Die offizielle Mitteilung an die Öffentlichkeit jedoch belegt - wieder einmal - wie strukturell unehrlich die amtlichen Verlautbarungen sind: (1) "aus gesundheitlichen Gründen" geschehe der Rücktritt. Das ist der einzige kirchlich akzeptierte Grund. Kuhnle machte dagegen immer einen recht gesunden Eindruck und betonte - schon seit langem -, daß er keine Lust habe, dieses Amt für den Rest seines Lebens auszuüben. Aber Lustlosigkeit darf - bei Ämtern - in der Kirche natürlich nicht vorkommen. Sonst schon. - (2) Das Signal nach außen: Ein kranker Mann - und das muß für ihn dann geradezu Erholung sein! - übernimmt 2 (gar 3?) Pfarreien und weiterhin gelegentliche Weihehandlungen, - so fährt die Pressemitteilung fort. Folglich wird ein gesunder Pfarrer - so muß man folgern - erst mit 10-15 Pfarreien richtig ausgelastet sein! (Auf diesen Zustand steuert die Kirche angesichts des verheerenden Priestermangels durchaus zu!). Welche Menschenverachtung doch in solchen harmlos scheinenden Notizen zum Vorschein kommt!

12.Nov.90: Der Kreis schließt sich. Wie auf Knopfdruck reproduziert die Amtskirche das gleiche Verhalten wie in meinem Fall. Gelernt wird nichts. Wurden mir "unwahre Behauptungen" vom Bischof vorgeworfen, so bekommt der Journalist im Fall von Fritz König das gleiche gesagt ("nur selten zutreffend" !), diesmal vom Leiter des Amtes für Öffentlichkeitsarbeit der Diözese. Mit dem Holzhammer wird blind zurückgeschlagen, weil in der Sache die Argumente fehlen. Und wo - nach Pauschalattacke - die Presseerklärung konkret wird, lügt sie (nicht - wie behauptet wird - gleich Laisierungsantrag von König, sondern erst Dispensantrag/Ablehnung/Amtsenthebung). Das stellt die Redaktion auch sofort klar. Mit Recht, wie ich aus mehreren Gesprächen mit König weiß. Und auch dies wohlbekannt: Bei eigenem Erklärungsnotstand versucht man einen ablenkenden Entlastungsangriff; die Journalisten sind die "Bösen". Das hätten die ehrenwerten Herren in R. so gerne!

17.11.90: Laut "Tüb.Chronik" verfaßten die Klinikseelsorger/innen (ökumenisch!) eine Stellungnahme zur Amtsenthebung von König, sehr engagiert, ernst und glaubwürdig! - So geht es also auch von seiten von Berufskollegen...

Ende November '90: Diese Chronologie beende ich angesichts der bevorstehenden Geburt unseres Kindes. Ein schöner Zeitpunkt zwar, bei dem mir allerdings einfällt, daß Bischof Dr. Kasper einem Pfarrerskollegen und seiner Partnerin gegenüber schriftlich deren Kind als "objektiven Grund" für die Berechtigung von Zwangsmaßnahmen ansah (Rauswurf beider, da auch sie im kirchlichen Dienst war). Darin kommt - auf geistiger Ebene, verbal - eine schlimme Form von Kindesmißhandlung zum Vorschein! Ein Kind - so sollte man meinen - ist auf jeden Fall wichtiger als bürokatische Strukturen! Wer es zum Anlaß für Repressionen degradiert, offenbart, wie todessüchtig (nekrophil) er ist. Vgl. dagegen Lk 18,15-18!

Epilog:

Was folgt nun für mich persönlich aus diesen Erfahrungen? - Ich rekapituliere einiges, was hierzu wichtig ist: Für praktizierte Religiosität ist die Erfahrung von "Gemeinschaft, Gemeinde" wichtig. Im Rahmen der institutionell verfaßten katholischen Glaubensgemeinschaft habe ich aber seit Juli '89 vielfältige Abstoßungsprozesse erlebt, - wie bei mißglückten Organtransplantationen. Der Leib (Christi - als den sich die Kirche gern sieht) hat dieses funktionstüchtige Organ zurückgewiesen: Vom Bischof wurde ich suspendiert, - was mich nach kath. Auffassung nicht etwa in den "Laienstand" zurückversetzt (das wollte ich auch nicht, weil ich den Eindruck hatte, daß meine Heirat meine Berufsausübung nicht behindert), in eine Normalität auf anderer Ebene. Vielmehr sind damit Sanktionen, Verbote verschiedenster Art verbunden. Meine aktive und interessierte Teilnahme am Leben der Glaubensgemeinschaft soll damit gerade verhindert werden. Die Rückversetzung in den Laienstand wäre ohnehin nur möglich unter Anerkennung meiner Heirat als "Defekt"... - Dies alles war nur kirchenrechtlich gedacht. Mehr kommunikativ-politisch: Am Brückenbau war von amtskirchlicher Seite her niemand interessiert. Aber auch unterhalb der Leitungsebene: Das Ausmaß, in dem bisherige Gesprächspartner, Berufskollegen, ja Freunde, die auch den Weg des Zölibats gingen, nun die Sprache verloren, sich bei meinem Anblick sogar offenkundig abwandten, war unerwartet. Das hat mich enttäuscht und mir zugleich gezeigt, wie krank und aus dem Lot geraten offenbar das katholische Binnenklima ist. Einfachste natürlich-menschliche Reaktionen angesichts einer Heirat waren hier zu einem großen Teil (in ganz begrenztem Ausmaß gab es erfreuliche Ausnahmen auf der Ebene zölibatärer Amtsträger) ausgeschaltet.

Ich hätte vor einem Jahr nicht erwartet, wie zielstrebig die amtskirchliche Strategie auf eine "epistemologische Blockade" hinausläuft, d.h. es sollte auf jeden Fall ein Wissensaustausch über bestehende Probleme beim Zölibat verhindert werden. Dieser Blockade-Strategie dienten verschiedene Vorgehensweisen:

  1. Der mögliche Gesprächspartner (=Adressat), also ich, wurde verunglimpft, verleumdet, es wurde ausgestreut, meine "Erklärung" enthalte unwahre Behauptungen. Welche der vielen Behauptungen "unwahr" sein sollen, wird meist nicht gesagt. Und sobald die Diözesanleitung konkret wird, ist es gelogen. Ich werde keines Gesprächs, keiner öffentlichen Diskussion, keines Gerichtsverfahrens, keiner Entschuldigung "gewürdigt". Denn der Hauptzweck dieser Rundum-Blockade, dieser Arroganz aus Unsicherheit, war ja: Mit einer solcherart in der Öffentlichkeit aufgebauten Unperson muß man sich natürlich nicht mehr abgeben.
  2. Eine inhaltliche Auseinandersetzung (=Botschaft), offen und selbstbewußt, den Sinn und vor allem die menschenwürdige Lebbarkeit des Zölibats herausstellend, fand nicht statt von amtskirchlicher Seite her. Die Beiträge im "Kath. Sonntagsblatt" zum Thema sind eher als gemeingefährlich und volksverdummend einzuschätzen denn als sachdienlich. Vom Informationsgehalt her schärfste Provokationen (etwa der TAZ-Artikel, 25.Mai 90, während des Katholikentags) bleiben ohne inhaltliche Reaktion. Die Amtskirche klinkt sich aus dem rationalen Diskurs aus (schon im Verhältnis zu meiner "Erklärung"), will lediglich - taktisch - ungeschoren den Sturm überstehen.
  3. Und es gab als letzte Komponente eines Kommunikationsakts (=Sender) die beleidigte Selbstverweigerung: Der Bischof hat mich vom Gespräch wieder ausgeladen, es gab die serienweise Ablehnung von Interviews, die Abbestellung der Zeitung durch Bischof und Weihbischof. So reagieren vielleicht Kinder, wenn sie einen schlechten Tag haben, aber nicht Erwachsene. Wenn man schon inhaltlich zum Zölibat nichts ernsthaftes zu sagen hat - siehe (2) -, so bestraft man wenigstens die Übermittler der ungeliebten Meinungen (=Journalisten), als ob die die Gegenargumente böswillig erfunden hätten...!
    Alle bisher genannten drei Vorgehensweisen der Amtskirche laufen auf nur eines heraus: Es mußte unter allen Umständen verhindert werden, daß über den Zölibat öffentlich zu reden begonnen wird bzw. die schon entstandene Diskussion sollte bald möglichst wieder ausgetreten werden. Die Kirche scheut bei diesem Thema das Licht der Vernunft wie der Teufel das Weihwasser. Meine Behauptung, daß Bischöfe durch geheimen Eid vor Amtsantritt sich genau hierauf verpflichten müssen, hat mir gegenüber nie jemand dementiert. Nicht nur in der Gegenwart, sondern schon seit Jahrhunderten verbiegt die Männerkirche unzählige Lebensschicksale, lädt Schuld auf sich in unübersehbarem Ausmaß, immer aus neurotischer Angst vor "der Frau", die sie lieber in göttliche Spären erhebt (in Gestalt Mariens) - aus lauter Unfähigkeit, sich konkret, ehrlich und natürlich auf sie einzulassen. Sehr viele Einzelmaßnahmen der Kirche lassen sich - seit langem schon - nur aus diesem Motiv verstehen.
  4. Abschließend sei hervorgehoben - auch das ein Ausdruck amtskirchlicher "Wissensblockade" -, daß weder ich noch Journalisten juristisch belangt wurden, auch nicht bei den "dicksten Hämmern": Ich darf öffentlich behaupten, "der Bischof hat mit der ganzen Autorität seines Amtes gelogen". Ich sehe sehr wohl die Ungeheuerlichkeit dieses Vorgangs und bedauere auch, daß die Auseinandersetzung auf diesem Niveau ankam. Aber ich habe die Äußerungen der Amtskirche nicht zu verantworten; und alle Beteiligten wissen, daß meine Bewertung richtig ist. Bleibt ein solcher Lüge-Vorwurf aber stehen, wird nicht aufgearbeitet, so kommt dies einer Selbstaufgabe der Kirche gleich. Sie wird zum Verein, der verbissen um das unveränderte Überleben kämpft. Die Botschaft Jesu hat sich daraus verabschiedet. Für sie wäre in der Tat die "Wahrheit in Liebe" (Wahlspruch des Bischofs) kennzeichnend.

Da ich es hier bei einem knappen Resümee belassen will, stelle ich ein Zitat des Religionsphilosophen H.R. Schlette an das Ende dieses Gedankengangs:

"'Aufklärung', so hat man gesagt, kann nicht partiell bleiben, sie sei zum Beispiel immer auch Aufklärung über die Sexualität, Ökonomie usw. Warum ausgerechnet soll Religion, soll Christentum insbesondere, anti-aufklärerisch eine Naivität konservieren, die ohnedies mehr Angriffsflächen bietet als Hilfen und von der höchst zweifelhaft ist, in welchem Maße sie von den Menschen überhaupt noch ernstgenommen wird? Um der 'Liebe' zu den Armen willen ist nicht die Aufrechterhaltung religiöser Naivität erforderlich, sondern gerade umgekehrt die Befreiung zum wahrhaft 'Gemeinsamen'".

Meine Opposition des letzten Jahres erschöpfte sich nicht in blindem/plattem Anrennen gegen das Zölibatsgesetz. Ich sehe sehr wohl die persönliche, biographisch bedingte "Mitgift", die der mitbringt, der sich dann dem Zölibatsgesetz unterwirft. Mein Vorwurf an die Amtskirche ist jedoch, daß sie diesen Zusammenhang von Neurose und Amt schamlos und rigide ausnutzt, ihn durch die Ideologie der "Berufung" zukleistert, statt zu helfen, diesen Zusammenhang zu durchschauen. Damit schafft die Kirche eine Struktur, ein Gemeinschaftsklima, die weit von Jesu Botschaft entfernt sind. Die Impulse Jesu werden ins Nekrophile pervertiert: Da kann sich dann die Amtskirche ihrer unvergleichlichen Permanenz rühmen. (welche Institution hat schon eine 2000-jährige Gechichte?); zugleich lebte diese Institution zu allen Zeiten davon, Impulse des Lebens, des lebendigen (statt: archivierenden) Geistes zu unterdrücken. Die Struktur überlebt, viele einzelne gehen körperlich und/oder seelisch daran zugrunde. Das nenne ich "nekrophil".

Was bleibt mir zu tun? Soll ich in Büßerstellung (Büßen für was?) warten wie weiland der Kaiser vor dem Papst in Canossa (Buße steht übrigens auch am Abschluß eines jahrelangen ordentlichen Laisierungsverfahrens)? Soll ich mein religiöses Leben blockieren lassen, bis es der Amtskirche in ferner Zukunft vielleicht (?) genehm ist, eher wieder gnädig auf mich zuzugehen? Soll ich doch ein Laisierungsverfahren starten, "um mich mit der Kirche zu versöhnen" (Vorschlag von WB Kuhnle)? - Nicht Versöhnung ist unter gegenwärtigen kirchlichen Vorzeichen angezeigt, sondern Veränderung!

Ich denke: Unter erwachsenen Menschen wäre ein Verhalten, wie ich es skizziert habe, unwürdig. Durch einen Akt der Unterwerfung würde ich das, wofür ich eingetreten bin, nämlich eine fundamentale Strukturveränderung in der Kirche, in den Kamin schreiben. Die mich z.T. stark beanspruchenden Auseinandersetzungen wären konterkariert. Es wäre vergessen, daß noch eine öffentliche Entschuldigung des Bischofs ansteht, weil er öffentlich gelogen und mich - wider besseres Wissen - der Unwahrheit beschuldigt hat. - Ich nehme also die schon geschehene, mir aufgezwungene Isolation zur Kenntnis, respektiere sie und besiegele sie meinerseits durch den Austritt aus der Kirche. Es muß ja nicht sein, daß ich das vielleicht bürokratisch korrekte, aber menschlich ungebildete und unchristliche Verhalten mir gegenüber auch noch durch meine Kirchensteuer honoriere.

Und um mehr geht es nicht! Ich bleibe ja getauft - so traditionell theologisch denke ich weiterhin. Ich distanziere mich auch in keiner Weise von meinen Auffassungen und Tätigkeiten zur Zeit meines kirchlichen Amtes (eine Rechtfertigung amtskirchlicher Strukturen und Verhaltensweisen lieferte ich damals schon nicht). Ich bin überzeugt, daß der Geist Gottes auch abseits der kirchlichen Karteikarten und Kassen weht. Vielleicht weht er erst dort! Die von Theologen oft vollzogene Hochstilisierung, Mythisierung der Kirche, als sei sie doch etwas anderes als ein großer Verein, mache ich nicht mit. Auf diesem Weg soll nur verhindert werden, daß jemand womöglich die Kirche zur Disposition stellt. Aber Gott ist zu groß, als daß er in diesem starren Gemäuer festgesetzt werden könnte.

Viele sehen in diesen Monaten, in denen die starren stalinistischen Systeme im Ostblock zusammenbrechen, eklatante Parallelen zwischen den alten totalitären Ordnungen und der katholischen Kirche und hoffen, eine analoge Erneuerung möge auch in der Kirche möglich sein.

Pessimistisch und realistisch dagegen D. Mieth in ThQ 2/1990 S.141: "Während im Europa des Jahres 1989 die Mauern fallen, werden sie im Vatikan erhöht..."

Wie könnte es überhaupt zur Initialzündung kommen? In der DDR etwa, auf dem Hintergrund der Veränderungen in der UdSSR, auf der Basis oppositioneller Gruppen im Land, galt: "Massenflucht löste revolutionären Umbruch aus" (Süddeutsche Zeitung, 14.3.90). Es war entscheidend, daß sehr viele, schmerzhaft viele, nicht mehr "mitspielten", auch nicht als Oppositionelle. Sie stiegen vielmehr aus und taten - ob bewußt oder unbewußt - damit dem Gemeinwesen einen großen Dienst, viel effektiver als viele, die "drinblieben", dabei diffus aber untätig auf Besserung hofften (oder resignierten). So sehr ich die andersgeartete Entscheidung jedes/r einzelnen respektieren werde, auf fortdauernde Verbundenheit hoffe: Ich wünsche der Kirche einen vergleichbaren Aderlaß. Aus bleibendem Interesse an der Botschaft Jesu.